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Riskanter Trend: Yoga mit Drogen, Retreats mit Pfeilgift

Einfach nur Yoga, Meditation oder Waldbaden – das ist vielen Sinn- oder Heilungsuchenden offenbar zu langweilig, zu normal. Wer in Zeiten des allgemeinen Selbstoptimierungswahns und des Schöner-reicher- toller-Wettlaufs auf Social Media den Weg zur inneren Erkenntnis sucht, der braucht was Krasseres.

Im Grenzbereich zwischen ernsthafter therapeutischer Arbeit und unredlicher oder sogar gefährlicher Geldschneiderei tummelt sich eine Vielzahl selbst ernannter Heiler und Schamanen, von denen manche einen erschreckenden Trend befeuern: Yoga, Trauma-Lösung und spirituelles Allerlei unter Einsatz obskurer psychoaktiver Substanzen.

KRIEG UND KRISEN

Deutschland auf dem absteigenden Ast: Renten-, Klima- und ganz allgemein Zukunftsängste stehen auf der einen Seite. Auf der anderen findet sich zerbröselnde gesellschaftliche Orientierung: Die Bedeutung der Familie als Anker schwindet ebenso wie die einst zentrale sinnstiftende Rolle von Religionen, Parteien oder Dorfgemeinschaften. Diese Entwicklung ist – je nach persönlicher Sicht und Veranlagung – nicht immer schlecht, aber sie lässt viele, v. a. junge Menschen, ratlos zurück.

WER ODER WAS KÖNNTE HELFEN?

Hilfe versprechen Meditation, Yoga und Wellness unter Einsatz von (im Kern) indigenen psychoaktiven Substanzen. Ein regelrechter Boom hat sich um Ayahuasca entwickelt, ein pflanzliches Gebräu aus dem Amazonasgebiet. Entscheidende Wirkstoffe darin sind stark psychoaktiv wirkende Alkaloide sowie Dimethyltryptamin (DMT), das über das serotonerge System wirkt und zu Visionen, veränderter Wahrnehmung und einer stärkeren Hinwendung zum eigenen Seelenleben führt. Allerdings führt es ebenso leicht zu Herzrasen und Panikzuständen und gilt als besonders gefährlich im Zusammenhang mit Depressionen oder bei der Einnahme von Psychopharmaka.

Womöglich noch riskanter ist die sog. Frosch-Medizin (Kambo). Zum Einsatz kommen Pfeilgift-Frösche. Sinnigerweise wird deren Gift im Zusammenhang mit Detox-Prozeduren verwendet, zur energetischen Reinigung, aber auch zur Trauma-Lösung oder ganz allgemein zum Zwecke eines „spirituellen Resets“. Vom Tierschutz-Aspekt und von Effekten wie Kreislaufstörungen, Erbrechen und unkontrolliertem Zittern einmal abgesehen können starke psychische Auswirkungen die Folge sein. Auch hier ist das Risiko bei seelisch angeschlagenen oder depressiven Menschen erhöht und ebenso wie bei Ayahuasca sind die Wechselwirkungen mit Psychopharmaka kaum einzuschätzen. Der Einsatz von Pfeilgift soll bereits zu Todesfällen geführt haben.

Es gibt eine Reihe ähnlicher, aus Reptilien, Amphibien oder Pflanzen gewonnener Substanzen, die meist unter dem unvermeidlichen Hinweis auf jahrtausendealtes Wissen indigener Nutzer in Kursen zur Reinigung von Körper und Seele eingesetzt werden. Zwar ist Ayahuasca in Peru als indigenes Kulturerbe anerkannt, das macht es aber nicht weniger gefährlich: Nicht ohne Grund ist die Mixtur in Deutschland verboten. Doch auch bei anderen, nicht minder bedenklichen Substanzen fragen sich die Teilnehmenden aber offenbar nur selten, woher denn die (meist hochgradig europäischen) „Schamanen“ und „Heiler“ ihr exklusives Wissen haben: vom „Kleinen Handbuch der Pfeilgift-Nutzung“ auf Quechua? Somit scheint zumindest fraglich, ob die Veranstalter einschlägiger Retreats und Resets tatsächlich über das Wissen der korrekten Dosierung der jeweiligen Zutaten verfügen.

Doch selbst wenn den eingesetzten psychoaktiven Stoffen ein „Original“-Rezept zugrunde liegt, gibt es weitere Risiken, die in Europa oder den USA kaum Beachtung finden: Wenn ein tief in seiner indigenen Kultur mit ihrer Geisteswelt aus christlichen und vorchristlichen Elementen verwurzelter Mensch nach einer Ayahuasca-Zeremonie Wahnvorstellungen entwickelt, ist das für den Betroffenen wie auch für sein Umfeld erschreckend – aber auch nicht ungewöhnlich. So etwas kann passieren, wenn man sich mit den Geistern einlässt. Ein religiös und kulturell völlig anders geprägter Mensch – ein Europäer beispielsweise – läuft Gefahr, durch eine solche Erfahrung massiven und dauerhaften Schaden zu erleiden, und sein Umfeld wird wohl ebenfalls anders reagieren.

Social Media befeuert Trends in zuvor ungeahnter Weise.

Pfeilgift soll bereits zu Todesfällen geführt haben.

GEWINNE IM VORDERGRUND

Dass es sich bei diesen gefährlichen Trends um reine Gewinnsucht der Anbieter handelt, lässt sich schon daran erkennen, dass die angebotenen Riten und Praktiken angeblich direkt auf indigenem – und damit exotischem und über jeden Zweifel erhabenem – Wissen fußen. Zwar könnte, wer sich unbedingt vergiften will, das bequemer und billiger haben, indem er sich z. B. einen Stechapfeltee braut, ein paar Tollkirschen einwirft oder zum bewährten Eisenhut greift. Und auch hier könnte der Verweis auf jahrtausendealtes Wissen, nämlich der Hexen, verkaufsfördernd sein. Doch moderne Retreat- und Healing-Profis wissen: Hexen und Stechapfel sind out; heute braucht es mindestens die Hawaiianische Holzrose. Die Älteren werden sich erinnern: So etwas Ähnliches gab es schon mal, in den 1960- und frühen 1970-Jahren. Damals war LSD das Maß der Dinge, wenn es um Bewusstseinserweiterung und ein neues, reicheres, bedeutsameres Leben ging. Ein Unterschied zu jenen Zeiten: Social Media befeuert Trends in zuvor ungeahnter Weise. Und wenn solche Trends auch ebenso schnell wieder abebben, führt die Filter- bzw. Blasenbildung der maßgeblichen Algorithmen dazu, dass sich Menschen, die sich einmal intensiv für ein bestimmtes Thema interessiert haben, leicht immer tiefer darin verlieren – die (Informations-)Welt scheint dann aus nichts anderem als Gasheizungen, Migration oder Buckelwalen zu bestehen.

Das passt zu dem, was Teilnehmer von den beschriebenen psychedelischen Veranstaltungen berichten. Betroffene schildern außerdem zum Teil gar sektenähnliche Zustände; Gruppenzwang und halb versteckte Drohungen soll Teilnehmern den Ausstieg unmöglich machen.

ANGEBOTE KRITISCH PRÜFEN

Wer als Heilpraktiker für Psychotherapie im Gespräch mit einem Patienten von Plänen hört, Angebote wie „Ecstatic Dance und Micro Dosing“, „Yoga on Drugs“ oder eben „Trauma-Retreat mit Ayahuasca“ wahrzunehmen, sollte hellhörig werden und dem Patienten dringend empfehlen, sich genau zu informieren und sein Vorhaben zu überdenken.

Jens Heckmann
Redakteur, Experte für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing
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