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Midlife Crisis - Autonomie und Trotzphase bei 50-jährigen

Viele Erwachsene haben noch nicht herausgefunden, wer sie wirklich sind. 

Kinder befinden sich im Alter von eineinhalb bis vier Jahren in der Autonomiephase. Sie lernen, sich als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen, und nabeln sich sukzessive von der Mutter als Hauptbezugsperson ab. Mit dem Abstillen und der Fähigkeit des Kindes, selbstständig feste Nahrung ergreifen und in den Mund stecken zu können, rückt die bisherige Quelle des Überlebens aus dem Mittelpunkt. Hinein ins Zentrum des eigenen Lebens platziert sich ein stetig wachsendes Ich-Gefühl, das zuvor nicht existent war, da sich das Kind als EINS mit der Mutter wähnte. Nun werden also im Zuge der eigenen Mobilität und Körperbeherrschung eine Vielzahl, teils sehr verwirrende Erfahrungen gemacht. Das eigene Dasein muss erst noch erlebt werden. So z. B. die Tatsache, dass da eine eigene Gefühlswelt existiert und ein eigener Wille. Und dass beides häufig konträr zum Gebaren anderer Kinder oder Erwachsener im Umfeld ist.


WIE KANN ICH IMPULSE MEINES WILLENS BIS ZU ENDE AUSAGIEREN?

Frustrationsmomente sind vorprogrammiert, lassen sich im Leben in einer Gemeinschaft niemals vermeiden. Denn wo Eigenwille auf den Willen des Gegenübers trifft, entsteht Friktion. Jetzt ist die Fähigkeit gefragt zu verhandeln, Kompromisse zu schließen, zu warten oder eine andere Variante zu wählen. Dies wiederum impliziert die Entwicklung von Geduld und Selbstregulation negativer Gefühle wie Wut, Frustration oder Ohnmacht.

Selbstregulation heißt nicht Verdrängung! Sondern: „Wie kann ich die im Körper autonom anlaufende Reaktion darauf, dass mein eigener Willensimpuls ausgebremst wurde, auf gruppenkonforme Weise natürlich zu Ende laufen lassen?“

Konkret heißt das z. B. der Dreijährige will unbedingt das Motorrad haben, mit dem ein anderes Kind spielt. Er kann es also nicht haben, wird daraufhin wütend. Im Körper des Dreijährigen wird u. a. sehr viel Adrenalin ausgeschüttet, seine Biochemie ändert sich. Der natürliche Drang des psycho-physischen Systems ist es, den Körper wieder in Homöostase zu bringen, dem gesunden biochemischen Gleichgewicht. Dazu muss u. a. das Adrenalin abgebaut werden, z. B. durch explosive körperliche Betätigung. Der Dreijährige möchte also instinktiv am liebsten dem anderen Kind einen Bauklotz an den Kopf schmeißen oder es schubsen und sich das Motorrad gewaltsam nehmen. Hier kommt die pädagogische Fachkraft in ihr so wichtiges Tun. Sie begleitet das Kind durch diesen Moment großer Frustration, verhindert den Gewaltausbruch und hilft, expressive Handlungsalternativen zu finden, um - das Adrenalin wieder abzubauen (Hüpfen, Bälle in einen Wutsack werfen, Knetgummi kneten, eine Runde über den Spielplatz rennen …) - den ursprünglichen Eigenwillen zum gewünschten Ziel gelangen zu lassen, z. B. das Motorrad zehn Minuten später zu bekommen.

Auf diese Weise hat das Kind Selbstregulation gelernt und erfahren, dass sein Wille zählt, zu Erfolg führen wird, manchmal jedoch Verhaltensvariationen auf dem Weg dorthin notwendig sind.

Kitas, die Kindern auf diese Weise durch die Autonomiephase helfen, erleben weniger intensive Trotzphasen. Das ist jene berüchtigte Zeit von zwei bis drei Jahren, in der Kinder gefühlt von morgens bis abends nur „Nein, ich will nicht – ich will aber – das kann ich selber“ sagen. Und regelmäßig in Tränen, Wut und Trotz ausbrechen.

Frustrationsgrad ist hier das Schlüsselwort, das definiert wie explosiv und für alle Beteiligten – ja auch für die Kleinen selbst – anstrengend diese Zeit verläuft. Wenn Kinder erfahren, dass ihr eigener Wille respektiert wird, und ihnen ermutigend geholfen wird, ihre Impulse gemeinschaftsfähig zum gewünschten Ziel laufen zu lassen, entsteht weniger Frustration. Und somit auch ganz klar weniger Eskalation. Diese Zeit ist eminent wichtig zum Herausbilden einer authentischen eigenen Persönlichkeit. Von innen heraus darf das Kind seine Impulse wahrnehmen und ausprobieren. Nur dadurch kann es sich selbst, seine Vorlieben, Abneigungen, Talente kennenlernen. Es erfährt sich als handlungsfähig, kompetent und erfolgreich. Und entwickelt keine Ängste eigenen intensiven Gefühlen gegenüber – weder positiven noch negativen. Denn es weiß zunehmend, dass es sein ganzes psycho-physisches System selbst regulieren, also meistern kann.

UND WAS HAT DAS ALLES MIT 50-JÄHRIGEN ZU TUN?

Die Autonomie- und Trotzphase wiederholt sich nuanciert mehrmals im Leben. Zum Beispiel in der Pubertät und auch in der Midlife-Crisis.

Aus eigener Beobachtung als Paartherapeutin in meiner Praxis in Augsburg kann ich mit Nachdruck sagen: Wem in der Kindheit wenig Verständnis zum Ausleben der Autonomie- und Trotzphase entgegengebracht wurde, wer sich also schon früh den Vorstellungen der Eltern/Hauptbezugspersonen angleichen musste, den beutelt es so richtig in seiner Lebensmitte!

Es kommt der Moment, in dem Re-Evaluierung ansteht – das ehrliche Bewerten dessen, ob wirklich das eigene Leben gelebt wird. Ob es sich echt anfühlt, ob man wirklich glücklich ist.

Immer wieder höre ich von Klienten: - Ich kann einfach so nicht mehr weitermachen.
- Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin.
- Ich fühle nichts mehr.
- Ich mache alles nur noch automatisch.

Es graut mir, wenn Sonntagabend ist und ich am Montag wieder zur Arbeit muss. Es graut mir, wenn Wochenende/Weihnachten/Familienurlaubszeit ist.

Wenn Heinz mit 53 unbedingt seine Harley braucht, dann lass ihn.

Es ist nicht immer der Fall, dass ein Lebenskonstrukt einmal passend war und die Liebe jetzt weg ist. Oder es ein Problem ist, dass die Kinder jetzt aus dem Haus sind. Oder neue Vorgesetzte alles umstrukturieren. Häufig ist es so, dass Klienten noch überhaupt nicht herausgefunden haben, wer sie wirklich sind. Welche Persönlichkeit ihnen eigentlich wirklich entspricht. Es ist, als hätten sie sich von Kindesbeinen an in falsche Kleidung zwängen müssen. Einem Korsett ähnelnd, das kaum Raum zum Atmen, zu organischem Wachstum und freier Bewegung lässt. Kein Sichentwickeln aus der eigenen Quelle heraus, sondern stets mit Orientierung nach außen, sich nach dem richtend, was die anderen verlangen. Ein kontinuierliches Verbiegen, Anpassen, Entsprechen- und Genügenmüssen als „Way of Life“.

Da war ein 47-jähriger Klient, der berichtete, dass er eines Tages am Arbeitsplatz seinen Computer ausschaltete und wusste: „Ich komme hierher nie mehr zurück“. Ungeplant, plötzlich, quasi von heute auf morgen.

Eine lange Phase von Depression und Arbeitsunfähigkeit folgte. Eine Phase, in der er nach anfänglicher Orientierungslosigkeit und komplettem Verlust von Lebensfreude begann zu verstehen, dass er nie authentisch gelebt hatte. Er hatte sich selbst nie kennengelernt. Er musste sich selbst erst entdecken, also alle Überwürfe an Erwartungen, Projektionen, Wünschen und Vorstellungen anderer, die im Laufe seines Lebens über ihn geworfen worden waren, ablegen. Das brauchte seine Zeit, das alte Lebenskonstrukt konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Doch er lachte wieder, er weinte (erstmals und viel) und fühlte! Ihm wurde klar, dass er nie wirklich in der Lage gewesen war, Emotionen zu fühlen. In seinen Liebesbeziehungen hatte das stets zu Reibung geführt, weil seine Partnerinnen nicht nachvollziehen konnten, dass er nicht wusste, was er fühlte.


Es folgte eine Phase der beruflichen Neuorientierung, die sich analog des eigenen Kennenlernens und Ausprobierens vollzog. Die sich in diesem jahrelangen Prozess neu geformte Persönlichkeit ist authentischer und auf allen Ebenen viel gesünder als die vorherige. Und dieser Mensch steht nun wirklich kraftvoll im Leben und strahlt zufriedene Ausgeglichenheit aus, weil er eins mit sich ist. Ein Paradebeispiel für eine – Gott sei Dank – nachgeholte Autonomie- und Trotzphase! Zu einem solchen kompletten Zusammenbruch muss es nicht kommen. Mit dem Wissen um das, was sich da vielleicht gerade in einem selbst oder einem Angehörigen anbahnt, kann viel unnötiger Schaden vermieden werden. Wenn Verständnis, ehrliche Kommunikation, Zeit und Raum gegeben werden können. Und das Vertrauen, dass es um das Nachholen von etwas Essenziellem geht und auch diese Phase nicht eskalierend ablaufen muss.

Wenn Heinz mit 53 unbedingt seine Harley braucht, dann lass ihn. Vielleicht musste er sein Spielzeug immer über die Maßen mit seinen Geschwistern teilen. Und wenn Rosi mit 48 unbedingt die Welt bereisen muss, dann lass sie. Vielleicht durfte sie sich nie allzu weit von Mami entfernen.

Wenn die Autonomiephase nachgeholt ist, erledigt sich vieles von selbst. Und das erneut gewählte Zusammensein – diesmal bewusster gewählt – mag dann so ehrlich sein, dass es wirklich bestehen bleibt.

Monika Jalil Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis, betriebliche Mental-Health-Beratung, Coachin für

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