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Achtsame Ernährung im Alter

Beim Entrümpeln von Omas Küche finden wir einige Oktavhefte. Täglich akribisch geführt: Putzpläne, Haus- haltsgeld, Blutdruckmessungen, Medikamenteneinnahme, Körpergewicht, was wurde gegessen, wie viele Kilokalorien waren es – an guten Tagen zwischen 600 und 800 kcal.

Aber manchmal auch: „Ich hab noch gar keinen Appetit“, dann wurde nur eine kalte Buttermilch getrunken. Ein körniger Frischkäse zum Mittag, „es muss schnell gehen“, abends eine Schnitte Brot mit Tomaten. Ab und zu aß sie aber etwas nebenbei mit. Der Teller war eine Untertasse. „Ach, das reicht mir, ich habe doch beim Kochen schon genascht, mehr kann ich heute nicht essen, es gab doch schon genug.“ Das ganze Leben drehte sich um die Zahl auf der Waage. Eine kleine Zahl, die das Leben bestimmt und für Glücksmomente sorgen kann. Dann werden Endorphine freigesetzt.


ESSSTÖRUNGEN IN DREI GENERATIONEN

Das war meine Projektarbeit zum Abschluss zur Psychologischen Beraterin. Währenddessen und auch danach gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Das Thema Ernährung und Essverhalten, besonders wenn es um unsere Eltern oder Großeltern geht.


ALTERSGERECHTE ERNÄHRUNG

Wie wurden wir an eine gesunde Ernährungsweise herangeführt? Wurde zusammen gegessen, als Familienritual, oder ging es einfach nur darum, den Hunger zu stillen? Durften wir mitentscheiden oder gab es einfach das, „was auf den Tisch kam“?

Und was ist daraus geworden? Ernähre ich mich heute achtsam? Bekommt mein Körper seine Nährstoffe, die er zum Leben braucht? Muss ich vielleicht medizinische Vorgaben beachten? Halte ich an alten Familienmustern fest oder zählen gesellschaftliche Aspekte wie Schönheit und Fitness viel mehr? Und was ist mit unseren Eltern und Großeltern? Achteten sie auf ihre Bedürfnisse und Vorlieben?

Verändertes Essverhalten oder Ess- störungen im Alter sind nichts Außergewöhnliches.

Mit diesen Themen beschäftige ich mich sehr intensiv. Während meiner Arbeit als medizinische Masseurin kommen immer wieder Fragen über Ernährung auf. Meine Patienten haben in den letzten Jahren meine eigene Veränderung zum Thema Essstörungen und Ernährung miterlebt, und so kam es immer wieder zu intensiveren Gesprächen.

Durch meine Arbeit als Psychologische Beraterin stehe ich in der Regel Frauen ab dem 3. Lebensjahrzehnt zur Seite. Immer öfter sind es aber inzwischen die Älteren, die mich um Rat fragen. Frauen, die fest im Leben stehen oder gestanden haben und sich unwohl mit sich fühlen. Geboren in einer Zeit, in der Ernährung nur der Sättigung diente. Und auch mit klaren und teils sehr strengen Verhaltensweisen. Manche von den Frauen halten noch starr an diesen Verhaltensmustern fest und gaben sie auch an die nächsten Generationen so weiter. Andere wiederum versorgten ihre Familie nicht nur mit Lebensmitteln, sie umsorgten sie auch. Gaben ihnen durch diese Familienrituale Wärme und Geborgenheit. Mit der Zeit veränderten sich die Ansichten und Gewohnheiten. Über die Generationen kamen immer wieder neue Aspekte rund ums Thema Essen auf.

STIMMEN AUS DER PRAXIS

Inge, 82: „Ich muss doch für später sparen.“ Hanne, 92: „Ich habe inzwischen Kleidergröße 42, das geht so nicht weiter. Ich werde noch kullerrund.“ Renate, 85: „Ich muss jetzt noch 5 Kilo in den nächsten 4 Wochen abnehmen, für den Urlaub, da isst man ja doch immer mehr.“

Gisela, 79: „So viel darf man als Frau nicht essen, das schickt sich nicht.“

Regina, 75: „Wer weiß, wann ich das nächste Mal was bekomme oder ob ich überhaupt noch dazu komme.“ Beate, 65: „Ich bin eh schon dick. Jetzt ist es egal.“ Hanne, 71: „Ich bin alt, da kann ich mir endlich mal was gönnen.“

Verändertes Essverhalten oder Essstörungen im Alter sind nichts Außergewöhnliches. Vielen ist es noch nicht einmal bewusst, dass sie ein gestörtes Essverhalten haben. Durch die Medien werden wir sensibler dafür gemacht, was mit den Kindern und Jugendlichen in diesem Zusammenhang geschieht. Doch diese älteren Jahrgänge fallen kaum auf.

SPORT UND GESUNDE ERNÄHRUNG

Damit halten sich die meisten jung und vital. Sie haben die Zeit, sich durch Social Media zu informieren, die passende Ernährungsform für sich zu finden und sich bewusst mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen. Und wenn sie auch noch aktiv sind, fallen manchmal gegensteuernde Maßnahmen wie Abführmittel oder extreme Sporteinheiten nicht weiter auf. Erst wenn die Familie oder der Freundeskreis weitere Veränderungen bemerkt, wie fahriges Verhalten oder das wiederholte verweigerte gemeinschaftliche Essen, kommen Fragen auf.

Was können wir nun als Angehörige oder Vertraute tun, um ein kognitives Umdenken bei ihnen anzustoßen? Oder sie vielleicht begleiten, falls sie sich seit Jahrzehnten in einer Essstörung befinden?

Anorexia, Bulimia, Binge Eating, Adipositas, Orthorexia. Das alles sind Störungen, die durch Krankheiten, Medikamente oder Altersdepressionen entstehen oder weiter aufrechterhalten werden können. Aber auch soziale oder gesellschaftliche Aspekte und psychische Faktoren können eine Rolle spielen.

URSACHEN UND RISIKOFAKTOREN

- Körperliche Erkrankungen: z. B. Demenz, Krebs, Magen-Darm-Erkrankungen
- Psychische Faktoren: Einsamkeit, Kontrollbedürfnis oder Angststörungen
- Medikamente: Manche Medikamente verändern das Essverhalten
- Soziale Aspekte: Verlust des Partners oder fehlende Essgemeinschaften - Gesellschaftliche Faktoren: Schönheitsideale
Folgen
- Unter- oder Mangelernährung: Führt zu allgemeiner Schwäche, Infektanfälligkeit - Übergewicht/Fettleibigkeit: Erhöhtes Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkprobleme
- Psychosoziale Belastung: Rückzug, Verlust an Lebensqualität

Essstörungen bleiben im Alter oft unentdeckt, da Symptome wie Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit oder Müdigkeit auch anderen Krankheiten zugeschrieben werden können. Wichtig ist daher eine regelmäßige, aber normale Gewichtskontrolle. Ein Screening auf Demenzen und Depressionen und Laboruntersuchungen, um Mangelzustände rechtzeitig zu erkennen.

Behandlung
- Multimodaler Ansatz, durch den Hausarzt, Familie und Freunde - Medizinische Behandlung von Grunderkrankungen
- Soziale Unterstützung: Essensdienste, Tagesstätten, Alltagsbegleiter - Angepasste Ernährung, z. B. durch eine Ernährungsberatung

Hierbei wird schon ersichtlich, dass bereits kleine Veränderungen wie das gemeinsame Essen, abwechslungsreiche Speisen oder die Anpassung der Medikamente viel bewirken können. In erster Linie liegt es allerdings an uns, erste Warnzeichen bewusst wahrzunehmen.

Körperliche Warnzeichen
- Unerklärlicher Gewichtsverlust bzw. -zunahme
- Erschöpfung, Schwindel, erhöhte Sturzgefahr
- Häufige Infekte oder verzögerte Wundheilung
- Magen-Darm-Beschwerden
- Zahnprobleme (bei häufigem Erbrechen)
Psychische Warnzeichen
- Appetitverlust, ohne klare medizinische Ursache
- Übermäßige Angst vor einer Gewichtszunahme oder ein stark negatives Körperbild
- Zwanghafte Gedanken rund ums Essen (kcal zählen oder Lebensmittel meiden)
- Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Reizbarkeit
- Soziale Isolation: Rückzug von gemeinsamen Mahlzeiten oder Meiden von Treffen

Verhaltensbezogene Warnzeichen
- Mahlzeiten auslassen oder Ausreden finden
- Sehr langsames, auffälliges Essverhalten
- Verstecken (Horten) von Lebensmitteln
- Übermäßiges Wiegen oder ständiges Kontrollieren des Körpers im Spiegel - Heimliches Essen oder (Fr)Essattacken
- Häufige Nutzung von Abführmitteln, Appetitzüglern oder übermäßiger Sport

Soziale und Alltags-Warnzeichen
- Verlust des Interesses am Kochen oder an bislang geliebten Mahlzeiten - Auffällige Veränderung des Kleidungsstils (weite Kleidung kaschiert) - Konsequentes Vermeiden von Restaurantbesuchen oder Familienfeiern - Übertriebene Fixierung auf „gesunde Ernährung“ Wichtig dabei ist jedoch, dass nicht jedes Anzeichen gleich ein gestörtes Essverhalten, eine Essstörung oder eine ernst zu nehmende körperliche Erkrankung sein muss. Mehrere Kombinationen sollten uns aber aufmerksam werden lassen und ein Gespräch mit einem Arzt anregen. Oder auch einfach nur ein aufmerksames Gespräch mit dem Betroffenen. Schließlich möchten wir nicht nur das Essverhalten verbessern/regulieren, sondern auch die Lebensqualität wieder steigern. Freude, Genuss und auch eine gesündere Balance in den Alltag bringen.

WAS BEDEUTET ACHTSAMES ESSEN?

- Bewusst wahrnehmen, was, wie und warum man isst (statt nebenbei)
- Essen nicht nur als Nahrungsaufnahme, sondern als sinnliches Erlebnis
- Auf innere Signale hören – Hunger, Sättigung, Appetit, Genuss
- Ohne Druck oder starre Regeln genießen dürfen (kein „Ich muss“, ein „Ich darf“)

Nun liegt es an uns, zu vermitteln, am besten in der Gemeinschaft. Ob wir nun als Fachpersonal in Tageskliniken, als Alltagsbegleiter oder Familie handeln. Schon mit Kleinigkeiten können praktische Impulse gesetzt werden.
Langsames Essen – kleine Bissen nehmen, gründlich kauen, Geschmack wahrnehmen Essensumgebung gestalten – schön gedeckter Tisch, angenehme Atmosphäre Sinne ansprechen – Farben, Gerüche, Konsistenz bewusst wahrnehmen Regelmäßige Mahlzeiten – Rituale helfen, auch bei Appetitlosigkeit Gemeinsam Essen – soziale Kontakte machen Essen leichter und freudiger Auf Körpersignale achten – Hunger und Sättigung bewusst wahrnehmen

Wichtig ist die Stärkung der Selbst- bestimmung und Lebens- qualität.

Um Achtsamkeit und Ernährung im Alter miteinander zu verbinden, braucht es ein wenig Übung. Gewohnheiten, die ein Leben lang bestanden haben oder die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen und gesetzt haben, werden wieder verändert. Als Angehöriger ist es viel einfacher, diese neuen Strukturen einzubringen. Durch erste Gespräche kann ich auf die Wünsche eingehen und mir die Zeit auch nehmen, um z. B. miteinander zu kochen.

Schwerpunkte, vielleicht schon durch medizinische Vorgaben, können sein:
- Nährstoffreich, dennoch leicht verdaulich – Obst, Gemüse, Vollkorn, mageres Eiweiß, gesunde Fette - Genussorientiert – Lieblingsspeisen integrieren, statt strenge Verbote - Ausreichend Wasser, Tee trinken – Durst wird im Alter oft mit Appetitlosigkeit verwechselt - Kleine Portionen – um Überforderung im Magen-Darm-Trakt zu vermeiden - Sanfte Bewegung kombinieren – z. B. ein Spaziergang vor/nach dem Essen

Es sind manchmal nur ein paar Kleinigkeiten, die große Veränderung mit sich ziehen. Die Wirkung stellt sich schnell ein, erste Erfolge und mehr Lebensqualität werden sichtbar. Trotz Appetitlosigkeit oder Einschränkungen kommt Freude beim Essen auf. Es wird nicht mehr aus Langeweile oder Einsamkeit gegessen, was gerade bei älteren Binge-Eating-Patienten wichtig sein kann. Auch kommt es durch das achtsame Auswählen der Zutaten, dem bewussten Essen und Kauen zu einer besseren Verdauung und Nährstoffaufnahme. Vielleicht können so auch bestehende Magen-Darm-Erkrankungen vermindert oder sogar geheilt werden.

Das Wichtigste ist jedoch die Stärkung von Selbstbestimmung und mehr Lebensqualität! Auch für uns. Durch diese gebende Veränderung erhalten oder fördern wir gleichzeitig unsere eigene Achtsamkeit im Umgang mit dem Essen.

Inga-Kristin Zibull

Gepr. Psychologische Beraterin mit Schwerpunkten Ernährung und Begleitung von Senioren Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

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