Ist mein Zahnarzt ein Narzisst?
„Du bist ja ein Narzisst!“ Dieser Begriff wird derzeit inflationär benutzt. Einerseits ist es gut und wichtig, dass dieses Thema mehr und mehr Beachtung in der Öffentlichkeit findet. Andererseits könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich ein Modehype um diesen Begriff entwickelt hat und unsere Gesellschaft voller Narzissten zu sein scheint. Jener Blick verstärkt sich, wenn man sich in den sozialen Netzwerken bewegt und dort auf zahlreiche Erfahrungsberichte und Berater in Bezug auf das Thema „Narzissmus“ trifft.
Wichtig ist, zwischen Charakterzug und Störung zu unterscheiden.
Sind wir nicht alle ein wenig narzisstisch veranlagt und haben Persönlichkeitsanteile, wie selbstbewusstes Streben nach Erfolg und Genießen des aufbauenden Gefühls der Anerkennung? Ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein und Selbstwertschätzung, gepaart mit Empathie und Mitgefühl, ist ein wichtiger Baustein für unsere seelische Gesundheit und unsere Stabilität im Alltag.
NARZISSTEN ERKENNEN
Meistens ist es jedoch so, dass man, wenn der Begriff „Narzisst“ auftaucht, an egozentrische Menschen denkt, die sich gerne im Mittelpunkt stehend sehen und für ihr besonderes Sein bewundert werden wollen. Der Begriff ist aber sehr dehnbar und bedient ein weites Spektrum. Wer an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, hat meistens ein geringes Selbstbewusstsein. Um dies zu überspielen, stellen sich diese Menschen gerne in den Mittelpunkt – oftmals gepaart mit einer Selbstüberschätzung, um Bewunderung und Aufmerksamkeit zu erheischen. Diese Menschen sind auf die Bestätigung und Anerkennung des Gegenübers regelrecht angewiesen, sie wollen imponieren, immer überlegen wirken, prahlen und protzen und blähen ihr vermeintlich grandioses Selbstbild auf. Jedoch mangelt es ihnen an Empathie und Rücksichtname, man könnte es auch als Empfindungsarmut bezeichnen. Sie werten andere Menschen ab und idealisieren ihr Selbstbild. Wehe, sie erfahren mal Gegenwind, jede Art von Kritik verunsichert sie und die Reaktionen reichen dann von sofortiger Schuldzurückweisung bis hin zu heftigen, aggressiven Wutausbrüchen.
Die AOK Sachsen-Anhalt informiert auf ihrer Website zu dem Thema „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ und schreibt, dass 4% der Weltbevölkerung eine diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung haben. Davon kann man sprechen, wenn folgende Merkmale sehr ausgeprägt sind: - übertriebenes Gefühl der eigenen Wichtigkeit
- einnehmende Visionen von grenzenlosem Erfolg, Macht, Schönheit oder idealer Liebe - übertriebenes ehrgeiziges Verhalten
- Verlangen nach übermäßiger Bewunderung
- Erwartung nach besonders bevorzugter Behandlung
- Ausnutzen anderer, um eigene Ziele zu erreichen
- Mangel an Empathie; wenig Interesse, sich in andere hineinzuversetzen - Neid auf andere oder das Gefühl, dass andere neidisch auf ihn/sie sind - arrogantes und überhebliches Verhalten
Narzissten sind in allen Lebensbereichen zu finden – im Privatleben, unter Freunden oder auch in der Arbeitswelt, wie z. B. der narzisstische Vorgesetzte. Aber auch in der Medizin.
DER NARZISSTISCHE ZAHNMEDIZINER
Wir kennen alle die „Halbgötter in Weiß“, denen man eine gewisse Überlegenheit zuspricht. Aber Achtung, auch in diesem Feld finden sich einige Narzissten, die oftmals sehr ehrgeizig und beruflich erfolgreich sind, aber ebenso auch eine toxische Energie in die Arzt-Patienten-Beziehung bringen können. Wie dies in der Praxis aussehen kann, soll anhand einer Fallstudie veranschaulicht werden.
FALLSTUDIE
Frau L. kam mit einer erheblichen CMD-Problematik und dem Wunsch, vier Zahnkronen erneuern zu lassen, in die Praxis von Herrn Dr. Dr. F., der als Gesichts- und Kieferchirurg und Zahnmediziner tätig ist und die Praxis von seinem Vater übernommen hatte. Die Patientin erklärte dem Zahnarzt ihre Probleme ausführlich, denn sie hatte stressbedingt das Gefühl, dass sich ihr Aufbiss „wie verrutscht“ anfühlte. Der Zahnarzt trat höflich, humorvoll und überzeugend auf. Die Patientin wurde überfreundlich, beinah übertrieben kumpelhaft begrüßt. Sein Smalltalk wirkte oftmals glattzüngig und sie empfand ihn sogar ein wenig distanzlos. Er sparte auch nicht an Komplimenten bezüglich der farbenfrohen Kleidung der Patientin. Und er sprach immer wieder von seinen vielen Erfolgen als Arzt und seinen außerordentlichen wissenschaftlichen Kenntnissen.
Da Frau L. einen Zahntechnikermeister kannte, der auch mit dieser Praxis zusammenarbeitete, nahm sie bezüglich der neuen Kronen Kontakt mit ihm auf, er empfahl ihr bestimmte Materialien, die verträglich für sie seien. Diese Informationen gab Frau L. bei einem Praxisbesuch an Herrn Dr. Dr. F. weiter. Der Zahnarzt wetterte sofort laut los „Ich bin der Zahnarzt und entscheide, welche Materialien verwendet werden, und nicht irgendein Zahntechniker!“ Die Patientin war über diesen Gefühlsausbruch, der sehr unkontrolliert wirkte, richtig erschrocken. Erfahrungen und Meinungen von anderen Fachleuten waren scheinbar nicht erwünscht.
Frau L. willigte trotzdem in den Austausch von vier neuen Zahnkronen ein. Die neuen, kostenintensiven Zahnkronen wurden ohne Rücksprache final eingesetzt. Aufgrund ihres „verlorenen Bisses“ ging die Patientin davon aus, dass die Kronen erst einmal provisorisch eingeklebt würden, um zu prüfen, ob sich die Passform trotz der CMD-Problematik in der Praxis bewähren würde.
Ihre Verwunderung teilte sie dem Zahnmediziner beim Einsetzen der Kronen mit und fragte, wie man nun feststellen könne, ob die Zahnkronen passen, da sie ja einen instabilen/verrutschten Aufbiss hätte. Das narzisstische Verhalten von Herrn Dr. Dr. F. zog sich durch die weitere Behandlung in Gestalt von Selbstüberhöhung und Dominanzverhalten:
Der Zahnarzt betonte wiederholt seine Erfolge und wissenschaftlichen Kenntnisse, er reagierte aggressiv, als die Patientin abermals eine fachliche Einschätzung eines Zahntechnikermeisters einbrachte.
Ich, der Zahnarzt, entscheide, welche Materialien verwendet werden!
Auf eine berechtigte Kritik reagieren Narzissten mit Schuldzuweisungen und fehlender Einsicht.
Abwertung anderer Fachmeinungen: Hinweise eines Fachkollegen zur fehlerhaften Bisshöhe, den Frau L. zwischenzeitlich für eine Zweitmeinung konsultiert hatte, wurden ignoriert. Vorgelegte Abdrücke auf Wachsplättchen schaute der Zahnarzt nicht einmal an und reagierte herablassend, statt sich sachlich damit auseinanderzusetzen.
Empathielosigkeit gegenüber Patienten-
beschwerden: Trotz anhaltender Schmerzen nach dem Einsetzen der Kronen wurden die Beschwerden bagatellisiert („Das ist normal, Zähne müssen reagieren.“) und mit persönlichen Anekdoten relativiert.
Autoritärer Umgang mit Kritik und Rückfragen:
Die Patientin erlebte, dass Nachfragen zur Vorgehensweise (z. B. kein Provisorium trotz CMD) unerwünscht waren und abgewehrt wurden.
Grandioses Anspruchsdenken im finanziellen Bereich: Überhöhte Abrechnungsfaktoren (6,5!) wurden mit der Einzigartigkeit seiner Leistungen begründet „Für meine außergewöhnlichen Leistungen“, nicht mit objektiven Kriterien.
Verantwortungsvermeidung bei Fehlern: Nachweisliche falsch aufgeführte Behandlungstermine in zwei Rechnungen und Doppelabrechnungen wurden zwar pauschal eingeräumt, aber nicht transparent korrigiert; die notwendige Mitwirkung zur Klärung mit den Leistungsträgern und Aufschlüsselungen wurden verweigert und die finanzielle Rückabwicklung auf die Patientin abgewälzt. Frau L. war mehr als elf Monate im Schriftverkehr mit dem Leistungsträger und der Abrechnungsstelle, um eine Rückführung des Betrags zu erwirken.
Bestrafendes Verhalten bei Widerspruch: Nachdem Frau L. dann noch ein Versäumnis ansprach, da die Zahnarztpraxis innerhalb einer vierwöchigen Frist in einer Rechnung erhöhte Faktoren nicht begründet hatte und sie diese Kosten privat übernehmen musste, bekam sie vom Zahnmediziner eine E-Mail und wurde mit diversen Vorwürfen bombardiert. Er sprach auf einmal von einem „zerrütteten Arzt-Patienten-Verhältnis“. Frau L. interpretierte es so, dass man nicht mehr behandelt wird, wenn man einen Abrechnungsfehler aufdeckt – und das, obwohl sich die neuen, schmerzhaften Zahnkronen noch in der Garantiezeit befanden! Auf alle weiteren Schreiben mit der Bitte, nach den Ursachen für den Schmerz der vier neuen Kronen zu suchen sowie neue, korrekte Belege auszustellen, antwortete Dr. Dr. F. nicht mehr. Anscheinend aus Angst vor einer Konfrontation zog er den Kontaktabbruch (Ghosting) vor.
DIE MACHT EINER NARZISSTISCHEN KRÄNKUNG
Auf eine berechtigte Kritik reagieren narzisstische Persönlichkeiten mit Schuldzuweisungen und fehlender Einsicht. Sich Misserfolge oder aufgedeckte Fehler einzugestehen, ist für Narzissten kaum auszuhalten. An einer ehrlichen Klärung bzw. Aufklärung der Angelegenheit war der Mediziner nicht interessiert. Die Reaktion eines narzisstischen Arztes bei Kritik oder Behandlungsfehlern ist manchmal für Außenstehende irritierend oder sogar verstörend. Er wird alles dafür tun, die Kontrolle und die Macht über die Situation zu behalten, sogar mit Drohungen, Erniedrigungen, Unterstellungen, Verdrehen der Tatsachen, Schuldzuweisungen bis zum Kontaktabbruch. „Mögliche Verhaltensweisen sind Abstreiten jeder Schuld, ruppige, unempathische Sprache, nicht zur Kenntnis nehmen wollen und mehr – kurz all das, was Patienten das Gefühl vermittelt, ‚der hört mir gar nicht zu‘. Und das – so haben verschiedene Untersuchungen ergeben, ist die wichtigste Motivation einer Klage. Zahnärzte und Ärzte mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen können sich kaum entschuldigen, eher beschuldigen sie noch andere. Zu unterliegen ist für sie so schlimm, dass sie ein juristisches Verfahren leicht durch alle Instanzen treiben können.“ (ZM Online/2004 „Narzisstische Persönlichkeitsstörungen bei Zahnärzten und Ärzten“, Dr. med. Bernhard Mäulen, Leiter Institut für Ärztegesundheit) Diese Fallschilderung zeigt, dass das Verhalten des Zahnarztes, der sich im narzisstischen Spektrum bewegt, für Außenstehende mit normalem Sachverstand, kaum nachvollziehbar ist.
ZURÜCK IN DIE SELBSTWIRKSAMKEIT
Für Frau L. war es eine extrem nervenaufreibende Zeit, weil sie das Verhalten des Zahnmediziners mit ihrem gesunden Menschenverstand nicht nachvollziehen konnte. In einigen Momenten war sie sehr irritiert, fassungslos und spürte Ärger und Wut, ihre Gedanken kamen kaum noch zur Ruhe, denn sie hat eine ganz andere Vorstellung des Miteinanders, von Empathie und Fairness. Für Frau L., welche die Angelegenheit sachlich klären wollte, war diese monatelange Erfahrung ein enorm nerviger Stressfaktor, der auch an ihrem Herzen nagte, und das Bedürfnis zur Klärung der Angelegenheit saß ihr regelrecht im Nacken. Aus diesem Grund holte sie sich Hilfe von einer erfahrenen Therapeutin, die u. a. auch Aufstellungen durchführt und traumasensibel arbeitet.
Frau L. konnte ihr anfängliches Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht durch die therapeutische Begleitung wieder in Selbstwirksamkeit umwandeln. Auch wenn manchmal weiterhin das Gefühl von „David gegen Goliath“ aufkam, ließ sie sich von dem Zahnmediziner nicht weiter einschüchtern. Der Zahnarzt ist bis heute nicht bereit, die Doppelberechnung entsprechend aufzuschlüsseln.
Dieser Fall ist zunächst einmal nur ein Einzelfall und zeigt, welche Macht ein Mediziner nach einer narzisstischen Kränkung ausüben kann. Wichtig ist, dass sich die Patienten nicht weiter einschüchtern lassen oder sogar Schuld- und Schamgefühle entwickeln, sondern den narzisstischen Eitelkeiten eines solchen Menschen keinen Raum und vor allen Dingen keine Macht mehr geben. Anstatt sich zurückzuziehen und sich hilflos und ohnmächtig zu fühlen, ist es ratsam, sich rechtzeitig Unterstützung zu suchen, um nicht noch mehr unnötigen Stress und das Gefühl des Ausgeliefertseins aufkommen zu lassen.
In der Praxis kann Narzissmus dazu führen, dass Patienten sich nicht ernst genommen fühlen.

Sabina Pilguj
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Yogalehrerin, Autorin, Referentin
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