Fallstudie - An jetzt reicht ein Regenmantel - wenn aus Schwere wieder Leichtigkeit wird
Ressourcenorientierte Begleitung einer Anpassungsstörung mit Verlust- und Zukunftsängsten nach einer Trennung
1. LEBENSGESCHICHTE – ERSTER EIN-DRUCK – PROBLEMATIK – ZIELSETZUNG
Eine junge Klientin stellt sich nach der Trennung von ihrem langjährigen Partner in meiner Praxis vor. Viele Jahre habe sie mit diesem Menschen zusammengelebt, Zukunftspläne geschmiedet und sich emotional sicher gefühlt. Die Trennung habe sie unerwartet getroffen und ihr bisheriges Lebenskonzept erschüttert. Im Erstgespräch wirkt sie gefasst und zugleich innerlich stark belastet. Sie fühle sich müde und erschöpft. Besonders eindrücklich schildert sie die Abende nach der Arbeit: die leere Wohnung, die Stille, dazu Fotos und Erinnerungsstücke, die zusätzlich schmerzen. Meine Klientin berichtet über - Ein- und Durchschlafstörungen
- ausgeprägtes Grübeln und Gedankenkreisen
- Interessen- und Freudlosigkeit
- Angst, dauerhaft allein zu bleiben, nie „den Richtigen“ zu finden - Zukunftssorgen
Ihr inneres Erleben beschreibt sie mit einem Bild: Sie fühle sich, als trüge sie einen viel zu dicken Mantel, der schwer auf ihren Schultern laste. Auf meine Frage, was sie mit meiner Unterstützung erreichen wolle, antwortet sie spontan: „Unbeschwertheit.“ Ein Wort, das im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird.
2. ERSTKONTAKT – RAHMENBEDIN-GUNGEN – SETTING
Die Klientin findet über meine Website in meine Praxis. Dort beschreibe ich meine Arbeitsweise als ressourcenorientiert, transparent und lösungsfokussiert, mit einem besonderen Augenmerk auf das Verstehen und Begreifen. Dieser Ansatz habe sie angesprochen. Wir arbeiten im Einzelsetting und individuell nach ihren Bedürfnissen. Von Beginn an vereinbaren wir einen klaren, transparenten Rahmen zu Ziel, Ablauf und Eigenverantwortung. Die verlässliche Struktur trägt wesentlich zur Stabilisierung bei.
Der formulierte Auftrag lautet: die Trennung verarbeiten, emotionale Stabilität zurückgewinnen und wieder mehr Lebensfreude spüren.
3. ANAMNESE – EXPLORATION – DIAGNOSTISCHE EINORDNUNG
Es zeigt sich das Bild einer situativ bedingten Anpassungsstörung mit depressiver Verstimmung als direkte Reaktion auf die Trennung sowie Zukunftsund Verlustängsten. Im Zentrum steht das Verstehen der inneren Dynamik: - Trauer bezüglich Trennung und Verlust
- Angstprojektionen in eine ungewisse Zukunft
- Verunsicherung des eigenen Selbstbildes außerhalb der Partnerschaft
Mit zunehmender Stabilisierung verlagert sich der Fokus von der reinen Symptomreduktion hin zur Förderung emotionaler Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit.
4. BERATUNGSANSATZ – INTER- VENTIONEN – PROZESSVERLAUF – STABILISIERUNG UND AKTIVIERUNG
Zu Beginn steht die Wiederherstellung von Struktur und Handlungsfähigkeit im Vordergrund: - bewusste Gestaltung der Zeit nach der Arbeit
- Aktivierung sozialer Kontakte
- schrittweise Wiederaufnahme früherer Interessen (puzzeln, lesen, wandern, kochen, tanzen) - Führen eines „Wohlfühltagebuchs“ (täglich drei schöne Dinge notieren) - Wiederaufnahme des autogenen Trainings
- Einführung einer Gedankenstopp-Übung zur Reduktion des Grübelns
Bereits diese Maßnahmen führen zur spürbaren Entlastung und stärken die Selbstwirksamkeit.
Arbeit mit Zeitperspektiven
Mithilfe eines Zeitstrahl-Modells differenzieren wir:
Vergangenheit
– Niedergeschlagenheit
– Trauer
Zukunft
– Angst
Gegenwart
– Handlungsspielraum im Hier und Jetzt Diese Visualisierung ermöglicht der Klientin, belastende Gedanken zeitlich einzuordnen und ihren Einfluss auf das aktuelle Erleben zu relativieren.
Vom schweren Mantel zu mehr Leichtigkeit
Im weiteren Verlauf greifen wir das zu Beginn formulierte Ziel „Unbeschwertheit“ erneut auf. Im Gespräch wird deutlich, dass dieser Begriff inzwischen untrennbar mit der verlorenen Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit dem Partner verbunden ist und zudem sprachlich eine Verneinung „un“ sowie die Komponente „schwer“ enthält.
Ich lade meine Klientin ein, ein neues Wort zu finden. Nach kurzem Innehalten sagt sie: „Leichtigkeit“. Erstmals kann sie Leichtigkeit differenziert fühlen und körperlich verorten: im Bereich des Solarplexus: warm und strahlend „wie eine Sonne“. Sie erinnert sich an einen Moment mit Freunden, in dem sie sich lebendig, angekommen und energiegeladen gefühlt habe. Parallel verändert sich nun auch ihr inneres Bild: Der schwere, erdrückende Mantel wird zu einem leichten Regenmantel. Immer noch da, um zu schützen, aber ohne Last. Diese metaphorische Neubewertung stellt einen Wendepunkt dar. Die Klientin erlebt sich zunehmend als handlungsfähig und emotional regulierbar. Meine Rolle wandelt sich dabei von stabilisierender Begleitung hin zu unterstützender Impulsgeberin.
5. ABSCHLUSS – ERGEBNISSE – REFLEXION
Der Abschluss der Therapie erfolgt einvernehmlich nach deutlicher Stabilisierung und spürbarer Reduktion der Symptomatik. Erreicht wurden:
- besserer Schlaf
- deutlich reduziertes Grübeln
- aktive Alltagsgestaltung
- verstärkte soziale Einbindung
- wachsende Zukunftsoffenheit
Die Trauer ist zeitweise noch präsent, jedoch nicht mehr überwältigend.
Zum Abschied formuliert die Klientin: „Ich sehe wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich freue mich auf meinen weiteren Weg.“ Die Prognose schätze ich als günstig ein, da tragfähige Selbstregulationsstrategien sowie ein stabiler Zugang zu eigenen Ressourcen entwickelt wurden.
EIGENE LERNERFAHRUNG
Dieser Prozess verdeutlicht, wie wirksam die Verbindung aus Stabilisierung, klarer Struktur und symbolischer Arbeit sein kann. Gerade bei Trennungserfahrungen, in denen Identität und Zukunftsbilder erschüttert sind, erweisen sich innere Bilder als ressourcenstärkend. Nicht jede Schwere muss sofort und komplett verschwinden. Manchmal genügt es, wenn sie ihre erdrückende Qualität verliert.
Wenn aus einem schweren Mantel ein Regenmantel wird, bleibt der Schutz bestehen und die Beweglichkeit kehrt zurück.

Ulrike Scholz
Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Praxis in Erlangen, zert. Leiterin für therapeutischen Tanz, Entspannungspädagogin
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