Verschröungsglauben
EIN DIFFERENZIERTES ÄTIOLOGISCHES MODELL
Die COVID-19-Pandemie hat gesellschaftliche Gräben sichtbar gemacht, die quer durch Familien, Freundeskreise und Berufsgruppen verlaufen. Verschwörungserzählungen traten dabei nicht als Randphänomen auf, sondern als gesellschaftlich wirkmächtige Narrative, die politische Entscheidungen, Impfverhalten und soziale Beziehungen beeinflussen. Als Apotheker, Pädagoge, Seelsorger und Heilpraktiker für Psychotherapie begegne ich Menschen in sehr unterschiedlichen beruflichen Kontexten. Die folgende Systematik stellt einen Versuch dar, diese Erfahrungen auf Grundlage psychologischen Wissens einzuordnen.
Verschwörungsglauben zeigt sich selten isoliert. Häufig bestehen Überschneidungen mit rechtspopulistischen Parolen, Pro-Life-Aktivismus, esoterischen Weltbildern oder religiösem Fundamentalismus. Er ist weniger eine singuläre Überzeugung als vielmehr Teil umfassenderer Weltdeutungsmuster. In der öffentlichen Debatte wird das Phänomen häufig verkürzt erklärt – etwa durch mangelnde Bildung, fehlende Medienkompetenz oder bewusste politische Manipulation. Solche Erklärungen greifen jedoch zu kurz. Relevante Kategorien der psychiatrischen Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-5) werden entweder aus Vorsicht oder Unkenntnis nicht herangezogen oder pauschal und stigmatisierend verwendet.
Selbst wenn einige Personen aus diesem Milieu treffend diagnostiziert werden können, bleibt die Frage unbeantwortet, warum sie gerade für bestimmte Narrative anfällig sind. Die Frage nach der Genese des Verschwörungsglaubens bleibt offen. Ein differenzierter, nicht monokausaler Ansatz erscheint daher besonders sinnvoll.
PSYCHOPATHOLOGISCHE POLE DES MODELLS
An einem Ende des vorgeschlagenen Modells finden sich Menschen mit schizophrenen Erkrankungen und ausgeprägten Wahnvorstellungen. Bestimmte während der Pandemie kursierende Ideen lassen sich kaum anders einordnen: etwa die Behauptung, COVID-19-Impfstoffe würden aus abgetriebenen Föten hergestellt, bestimmten ethnischen Gruppen gezielt die Fruchtbarkeit nehmen oder Mikrochips zur Kontrolle der Geimpften enthalten. Solche Überzeugungen entsprechen klassischen Kriterien des Wahns. Bereits seit Langem ist das Phänomen der Folie à deux bekannt, bei dem Wahninhalte auf andere Personen übergreifen. Klassischerweise bezog sich dieses Konzept auf den engen sozialen Nahraum der Betroffenen. Heute lässt sich ein ähnlicher Mechanismus in deutlich größerem Maßstab beobachten: Durch soziale Medien, Echokammern und algorithmische Verstärkung gelangen Inhalte aus einem vergleichsweise kleinen Kollektiv schwer erkrankter Menschen in größere soziale Gruppen. Dabei werden sie weiterverbreitet, emotional aufgeladen und zunehmend verändert.
Daran schließt sich eine zweite Gruppe an: Menschen mit schizotyper Störung. Charakteristisch sind hier sonderbares, teils exzentrisches Verhalten, magisches Denken und die Überzeugung von unsichtbaren, aber wirkmächtigen Kräften. Verschwörungserzählungen werden in diesem Milieu häufig mit esoterischen Elementen angereichert, etwa mit der Vorstellung, Infektionskrankheiten ließen sich mit Mitteln der Alternativmedizin – etwa Homöopathie, Heilsteinen oder Klangschalen – wirksamer behandeln als durch evidenzbasierte Medizin. Mit dieser Gruppe beginnt der Übergang aus dem Bereich klarer psychiatrischer Klassifikationen heraus. Der kreative Einfluss psychisch erkrankter Menschen auf die Entstehung besonders elaborierter oder skurriler Erzählungen sollte nicht übersehen werden.
UNSICHERE BINDUNG UND DAS „GEFÄHRLICHE DRAUSSEN“
Eine erste nicht klinisch erkrankte Gruppe bilden Menschen mit unsicherem Bindungsstil. Claus Koch beschreibt in „Schutzfaktor Bindung“ diese Menschen als besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Zentrales Element ist eine tief verankerte, meist unbewusste Vorstellung eines „gefährlichen Draußen“. Angst und innere Leere werden nach außen projiziert, Gefahren werden überall vermutet, Orientierung und Anlehnung an autoritäre Figuren gesucht. Dieser Ansatz überzeugt, da viele Verschwörungsgläubige die formalen Kriterien einer psychischen Störung nicht erfüllen. Unsichere Bindungsstile gelten nicht als eigenständige psychische Erkrankungen, sondern als Risikofaktoren. Damit lässt sich erklären, warum Verschwörungserzählungen auch für breite Teile der klinisch unauffälligen Bevölkerung attraktiv sind. Darüber hinaus existiert im „normalen Bereich“ eine Gruppe von Menschen mit biografischen Belastungen und chronisch unzureichender Befriedigung zentraler psychischer Grundbedürfnisse (Grawe): Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit.
Das Teilen und Verteidigen von Verschwörungstheorien vermittelt das Gefühl von Besonderheit (Autonomie), erzeugt durch vermeintliches Geheimwissen eine Illusion von Kompetenz und stiftet Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von „Eingeweihten“. Häufig ersetzt dies fehlende Einbindung in stabile soziale, berufliche oder weltanschauliche Kontexte. Treffen diese Menschen in größeren Gruppen aufeinander – etwa bei Demonstrationen oder politischen Massenereignissen – treten zusätzlich gruppendynamische Prozesse in Kraft: Affektsteigerung, Absenkung des intellektuellen Niveaus und regressives Erleben. Die Masse wirkt damit als eigenständiger Verstärker individueller Dispositionen (so bereits S. Freud in der „Massenpsychologie und Ich-Analyse“).
DIFFERENZIERTE INTERVENTION STATT EINHEITSLÖSUNG
Den beschriebenen Personen begegnet man in unterschiedlichen Kontexten. Nur selten können Verschwörungsinhalte ausführlich thematisiert werden. Im pädagogischen Rahmen ist eine sachliche Auseinandersetzung jedoch unabdingbar. Noch wichtiger ist die Vermittlung gezielten Hinterfragens: Wie seriös ist eine Quelle? Welche Interessen stehen dahinter?
Nur selten können Verschwörungsinhalte ausführlich thematisiert werden.

Ist der Inhalt wissenschaftlich belastbar? Verfügt der Autor über fachliche Kompetenz? Die Algorithmen der sozialen Medien erzeugen oft eine Illusion über die überwertige Bedeutung einzelner Themen. Diese so unterschiedlichen Personengruppen begegnen sich im Alltag selten, treffen jedoch online aufeinander. Inhalte werden kaum kritisch geprüft, emotional verstärkt und weiterverbreitet. Es ist daher zu begrüßen, dass aktuelle Lehrpläne Medienkompetenz stärker berücksichtigen.
In psychotherapeutischen Settings fungieren solche Überzeugungen eher als Hinweise auf zugrunde liegende Probleme – unsichere Bindungsmuster, strukturelle Defizite (im Sinne von OPD-3*) oder Erkrankungen aus dem schizophrenen Spektrum. Entscheidend ist, dass nicht die Inhalte selbst im Zentrum der Therapie stehen, sondern die zugrunde liegenden Problematiken: mangelndes Urvertrauen, Vorstellungen eines gefährlichen Außen oder fehlende korrigierende Beziehungserfahrungen.
Menschen mit schizophrenen Erkrankungen benötigen leitliniengerechte antipsychotische Behandlung. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen profitieren gegebenenfalls von Trainings sozialer Kompetenzen. Unsicher gebundene Menschen benötigen pädagogische und psychotherapeutische Angebote, die verlässliche Beziehungserfahrungen ermöglichen.
Menschen mit chronisch frustrierten Grundbedürfnissen profitieren häufig mehr von Veränderungen der sozialen Situation, beruflichen Perspektiven und psychosozialer Unterstützung als von klassischer Psychotherapie allein.
Nicht alle Menschen mit verschwörungstheoretischen Überzeugungen benötigen Medikamente oder Psychotherapie.
GRENZEN KOGNITIVER AUFKLÄRUNG
Das Festhalten an Verschwörungstheorien ist weniger ein intellektuelles als ein emotionales Phänomen mit dysfunktionaler Logik und Funktion. Vermittlung von Quellenkritik und Grundlagen wissenschaftlicher Evidenz bleibt wichtig, erreicht jedoch vor allem den nichtpathologischen Bereich. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Verschwörungsglauben erfordert daher einen differenzierten ätiologischen Blick, der psychische Störungen, Bindungserfahrungen, existenzielle Bedürfnisse und soziale Dynamiken gleichermaßen berücksichtigt. Erst so wird verständlich, warum so unterschiedliche Menschen an denselben Erzählungen festhalten – und warum einfache Erklärungen unzureichend bleiben.
* Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik hat die Form eines multiaxialen Systems. Sie basiert auf den Achsen Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen (I), Beziehung (II), Konflikt (III), Struktur (IV) sowie psychische und psychosomatische Störungen nach Kapitel V (F) der ICD-10/ICD-11.

Mag. pharm. Vasily Prusakov
Heilpraktiker für Psychotherapie, Klinischer Pharmazeut, Pädagoge mit Zulassung
zur psychologisch-therapeutischen Tätigkeit
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