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Das Herz hat keine Falten - Beratung, Begleitung und Therapie älterer Menschen

„Was geschieht, wenn das Leben langsam zur Ruhe kommt und dennoch so viel in Bewegung bleibt?“, fragt Autorin Julia Onken in ihrem neusten Buch. Wie geht das, ohne Bitterkeit älter zu werden, in Würde dem reiferen Alter entgegenzuschreiten und Freude daran zu haben, sich selbst treu zu bleiben? Oder, wie es Onken beobachtet, in den späteren Lebensjahren oftmals „grundlos vergnügt“ zu sein?

Der Altersforscher Hans-Werner Wahl meint, dass wir uns bis ins hohe Alter weiterentwickeln können. Demnach fühlen sich ältere Menschen heute meistens deutlich jünger als sie es an Lebensjahren sind. Ihr Wohlbefinden im Alter führt dazu, dass sie länger leben. Sie sind geistig und mental stabiler und suchen in Übergangszeiten und Krisen zur Wiederherstellung einer guten Lebenszufriedenheit auch in späteren Jahren häufiger als früher eine Beratung oder Psychotherapie auf. Diese ist gekennzeichnet dadurch, dass jetzt meist kein längerer Prozess gewünscht wird, sondern eine zielführende kürzere beratende oder therapeutische Intervention. Es geht v. a. darum, mit effektiven Anpassungs- und Bewältigungsstrategien das eigene Wohlbefinden im Alter zu stärken und in ressourcenorientierter Weise auf das bisherige Leben zurückzublicken.

WAS BEDEUTET WOHLBEFINDEN IM ALTER?

Neben Faktoren wie Gesundheit, Wohnen, Freizeit und sozialen Beziehungen wie Interaktionen geht es um die eigene geistige und emotionale Zufriedenheit. Das kognitive und emotionale Wohlbefinden lässt sich laut Wahl gut mittels eines „Positiv-Negativ-Affekt-Fragebogens“ messen (vgl. Wahl 2017, 72; 165-168). Das Instrument ist flexibel anpassbar, je nachdem, welcher Zeitraum für die Beratung oder Therapie wichtig ist. „Häufig werden die letzten vier Wochen vor der Erhebung herangezogen, weil dies ein Zeitraum ist, der nicht zu kurz ist, um Stabilität im emotionalen Erleben abzubilden, der aber auch nicht zu lang ist, um Schwankungen des emotionalen Erlebens einzufangen“ (Wahl 2017, 73).

AGENTEN DER EIGENEN ENTWICKLUNG

Beratung und Therapie mit älteren Menschen kann da ansetzen, wo sie situativ oder längerfristig Einbußen hinsichtlich ihrer Lebenszufriedenheit erleben. Es sollte dabei um einen ganzheitlichen Ansatz gehen, der ältere Menschen als „Agenten der eigenen Entwicklung“ (Wahl 2017, 159) ansieht. Sie können dabei begleitet und gestärkt werden, sich ein gesundheitsbewusstes Verhalten zu erhalten oder dieses zu erweitern, in sozialen Begegnungen eingebettet zu sein, sich mit den Veränderungen im Alter anzufreunden und diese nicht rein als „Übel“ zu erleben, sondern manche Einschränkungen gezielt zu kompensieren. Dies wird nicht allen gleich gut gelingen, da die individuellen Unterschiede zwischen den Menschen und ihre biografischen Erfahrungen eine Rolle spielen. Doch kann eine beratende oder therapeutische Intervention helfen, die psychischen Abwehrkräfte und Ressourcen hinsichtlich mancher erlebten Widrigkeiten zu stärken.

Welche Prinzipien können in der Beratung und Therapie mit älteren Menschen verfolgt werden? Zunächst darf der Zusammenhang zwischen der früheren, aktuellen und voraussichtlich später folgenden Lebensphase bewusst gemacht werden, denn: „Was ich heute mache oder nicht mache, sehe ich morgen bei mir selbst in gesundheitlichen Verläufen“ (Wahl 2017, 162). Körperliche, geistige und seelische Gesundheit ist ein hohes Gut und Veränderungen sind bewusst wahrzunehmen, um einen sensiblen und hilfreichen Umgang damit zu finden. Diesbezügliche Einschränkungen machen nicht das ganze Leben aus, sie sind nur ein Teil davon. Vieles bleibt weiterhin möglich und darf wertgeschätzt und gelebt werden. Diesen „Möglichkeitsraum“ (Wahl 2017, 163) zu nutzen, scheint elementar mit dem Wohlbefinden in späteren Lebensjahren in Verbindung zu stehen. Manchmal eröffnen sich sogar ganz neue Chancen, wie es Julia Onken beschreibt. Einerseits hängt das Wort „alt“ wie ein Damoklesschwert über dem Leben ab 60, andererseits ist der große Durchbruch zumindest unter Künstlern eher die Regel denn die Ausnahme. Doch nicht nur Künstler dürfen spätestens im Alter ihrer Sehnsucht folgen. „Oft tragen wir schlafende Begabungen in uns, die in einer dunklen Ecke vor sich hindösen und unter tausend Alltagsaktivitäten begraben liegen. Weggesperrte Präferenzen haben die Tendenz, bestehen zu bleiben. Sie lösen sich nicht einfach in Luft auf. Stattdessen warten sie auf den richtigen Moment, bis die Luft endlich rein ist und die Energie der Verdrängung nachlässt. Bevor wir also in dieser Lebensphase enttäuscht das Handtuch werfen und uns zum Lager jener gesellen, die sich über verpasste Chancen beklagen, wäre es nun ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen, in welchen Bereichen wir uns untreu geworden sind und uns freiwillig Beschränkungen auferlegt haben“ (Onken 2025, 147).

DEN MÖGLICHKEITSRAUM BELEBEN

Der Möglichkeitsraum wird v. a. durch Bilanzieren des bisherigen Lebens hinsichtlich besonders prägender Ereignisse und einer Sinngebung jetzt und in Zukunft eröffnet. Die Bilanzierung entspricht einer subjektiven Rekonstruktion der eigenen Geschichte (Mannhard 2021/2025). Dabei werden meist positive wie negative Erinnerungen ausgelöst, sobald sich Menschen Zeit für einen bewusst durchgeführten Lebensrückblick nehmen. „Die Aktivierung positiver Erinnerungen im Therapie- oder Beratungsprozess führt dazu, dass den Klienten die Möglichkeit gegeben wird, das Selbst differenzierter, mitfühlend und realistischer zu sehen. Der Therapeut bestärkt die Stabilität des Selbst, arbeitet die Kontrollmöglichkeiten heraus und bestärkt positive Bewältigungserfahrungen“ (Forstmeier & Maercker 2013/2024, 23).

Besonders bei älteren Menschen steht die Sinngebung ihres Lebens im Mittelpunkt. Kommt sie in den späteren Berufsjahren abhanden oder dann, wenn man in den „Ruhestand“ eintritt, ist häufig auch der Zeitpunkt für eine elementare Krise und ggf. das Aufsuchen einer professionellen Begleitung gekommen. Während es bei jüngeren Menschen meist um das „Sinnsuchen“ als Entwicklungsprozess geht, wollen Ältere ihn jetzt gefunden haben und bewusster als vielleicht bisher in den nächsten Jahren leben. „Eine mögliche Folge dieser Sinnfindungsprozesse kann als Weisheit bezeichnet werden, wenn sie durch ein außergewöhnliches Maß an kognitiver und emotionaler Differenziertheit gekennzeichnet ist. Andere Formen bestehen in einer intensivierten Religiosität oder Spiritualität (Forstmeier & Maercker 2013/2024, 23).

 

Negative Lebens- ereignisse werden nicht ausgeblendet, aber die schönen Seiten der eigenen Biografie zu neuem Leben erweckt.

Um den Möglichkeitsraum zu betreten, können Erfahrungen aus der bisherigen Geschichte erinnert werden, z. B. mit den folgenden Fragen: - Was haben Sie in Ihrer Kindheit/Jugend und in den frühen Erwachsenenjahren am liebsten gemacht? Findet sich etwas davon in Ihrem heutigen Leben wieder, oder was würden Sie gerne aufgreifen? - Welche Menschen waren Ihnen in diesen Lebensphasen wichtig (und sind es vielleicht heute noch)? - An welche bisherige Lebensphase erinnern Sie sich besonders gerne und weshalb?
- Worauf sind Sie besonders stolz, was haben Sie wirklich gut gemacht?
- Welche Schwierigkeiten haben Sie erfolgreich bewältigt und welche Talente haben dabei geholfen? Um beim Betreten des Möglichkeitsraums eine positive Atmosphäre im Sinne einer Ressourcenorientierung zu erzeugen, hilft die Beachtung von Prozesszielen:

- Führung des Gesprächs und Spontanität im Verlauf sollten sich in der Waage halten.
- Der Fokus wird auf das Positive gerichtet, ohne andere Aspekte zu untergraben (diese werden als wahrgenommen wertgeschätzt und dann bewusst zur Seite gestellt).
- Es wird nicht von „man“, sondern von „ich“ gesprochen; um das Erzählte persönlich zu halten.
- Die Selbstreflexion und das Einnehmen einer Metaebene im Sinn eines Überblicks über die Erzählung wird an geeigneten Stellen gefördert.
- Hinsichtlich der Bearbeitung bewältigter Schwierigkeiten werden die Fähigkeiten und Stärken unterstrichen und zusammengefasst, die im Sinne von dauerhaften Ressourcen in die Zukunft übernommen werden können.

Forstmeier & Maercker (2013/2024, 265) beschreiben ein gruppentherapeutisches Programm „Auf der Suche nach Sinn“ als eine Integration von Lebensrückblicktherapie und Erinnerungsarbeit. Zugrunde liegt die Annahme, „dass die Art, wie ältere Menschen ihr Leben Revue passieren lassen – ihr sog. Erinnerungsstil – sich darauf auswirkt, wie gut sie eine depressive Symptomatik bewältigen können, und dass sich dieser Erinnerungsstil mithilfe von gezielten psychotherapeutischen Interventionen nachhaltig verändern lässt“. Das Programm gliedert sich in 12 Sitzungen:
1. Mein Name (Bedeutung innerhalb Generationen, symbolischer Ausgangspunkt der eigenen Geschichte)
2. Gerüche aus der Vergangenheit (Gerüche wie Bilder als Schlüsselreize für Erinnerungen)
3. Häuser, in denen ich gelebt habe
4. Meine Ressourcen erkennen
5. Hände (als Metapher für Arbeitsmühen, Pflege, Unterstützung, Hilfe usw.)
6. Fotos
7. Freundschaft
8. Ausgleichen positiver und negativer Gedanken und Gefühle
9. Wendepunkte
10. Wünsche und Sehnsüchte
11. Die Zukunft in mir (Integration von Problemlösestrategien)
12. Identität (Selbstporträt, Gedicht oder Gemälde mit Reflexion des Erarbeiteten der vorausgegangenen Sitzungen und einem Ausblick für die Zukunft), (Forstmeier & Maercker 2013/2024, 265f.) „Im Programm werden negative Lebensereignisse nicht ausgeblendet, aber die schönen Seiten der eigenen Biografie zu neuem Leben erweckt“ (Forstmeier & Maercker 2013/2024, 276).

Weitere Techniken für die Beratung und Therapie mit älteren Menschen sind z. B. die Lebenslinie, das Genogramm, das chronologische Gegenüberstellen geschichtlicher und familiärer Lebensereignisse, Visualisierungen von Beziehungsnetzen, das Schreiben von Briefen an wichtige verstorbene oder lebende Personen, das Herstellen eines Karteisystems mit Fotos und Beschreibungen wichtiger Gegenstände oder eines chronologischen Albums, kreative Visualisierungen der Biografie z. B. als Wandteppich oder Patchwork-Decke.

Anja Mannhard
Künstlerin, Autorin, Personenzentrierte Beraterin, gepr. Personalfachkauffrau und Ausbilderin (IHK) Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

Literatur

Forstmeier, S. & Maercker, A., Hrsg. (2013/2024): Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung. Ansätze der Biografiearbeit, Reminiszenz und

Lebensrückblicktherapie. Springer

Mannhard, A. (2025): Biografiearbeit Ü50. Vom sich Verlieren und sich Wiederfinden. Freie Psychotherapie, 05.2025, 26-31

Mannhard, A. (2021): Biografiearbeit. Die innere Schatzsuche. Scorpio

Onken, J. (2025): Grundlos vergnügt. Vom Ankommen und Loslassen – ein Leben in 12 Kapiteln. Cameo

Wahl, H.W. (2017): Die neue Psychologie des Alterns. Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase. Kösel

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