AGHS / ASS / RIS - verstehen, differenzieren und begleiten
„Wenn das Verhalten Fragen stellt – verstehen, statt zu urteilen.“ Dieser Perspektivwechsel ist in der therapeutischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zentral. Insbesondere bei Auffälligkeiten in Aufmerksamkeit, Verhalten und Wahrnehmung zeigt sich immer wieder, ähnliche Symptome können unterschiedliche Ursachen haben.
Zu den häufigsten und zugleich am schwierigsten zu differenzierenden Erscheinungsbildern gehören die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) sowie das weniger bekannte Reflex-Integrations-Syndrom (RIS). In der Praxis bedeutet das, genaues Hinschauen ist entscheidend für eine passende Diagnostik und wirksame Interventionen.
ADHS – WENN SELBSTSTEUERUNG ZUR HERAUSFORDERUNG WIRD
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die v. a. die Bereiche Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstorganisation betrifft. Ein zentraler therapeutischer Ansatzpunkt liegt darin, die häufige Fehlannahme zu korrigieren, es handele sich um mangelnden Willen oder Erziehungsdefizite. Typisch ist vielmehr eine Störung der Selbststeuerung mit situationsabhängig stark variierender Ausprägung. Ein Beispiel aus der Praxis. Leo, acht Jahre alt, beteiligt sich aktiv am Unterricht und kennt oft die richtigen Antworten. Dennoch ruft er diese impulsiv hinein, bevor er aufgerufen wird. Seine Hefte sind unvollständig, Materialien gehen verloren und schon kurze Hausaufgabenphasen führen zu Ablenkung und zum Abbruch der Arbeit.
Seine Eltern beschreiben ihn als intelligent und bemüht. Gleichzeitig eskalieren Alltagssituationen wie das morgendliche Anziehen regelmäßig, da mehrschrittige Anforderungen ihn überfordern. Auch im Erwachsenenalter bleibt die Problematik bestehen, wenn auch in veränderter Form. Sarah, 34, wirkt nach außen strukturiert und leistungsfähig, gerät jedoch immer wieder unter Druck. Sie beginnt mehrere Aufgaben gleichzeitig, schiebt unangenehme Tätigkeiten auf und verliert den Überblick auf Termine und Verpflichtungen. Während die äußere Unruhe abgenommen hat, beschreibt sie eine dauerhafte innere Anspannung. Erst spät erkennt sie, dass nicht mangelnde Disziplin, sondern eine Störung der Selbstregulation hinter ihrem Erleben steht.
Typische Merkmale
- Ablenkbarkeit und sprunghaftes Verhalten
- Impulsivität und geringe Frustrationstoleranz
- Schwierigkeiten mit Planung, Reihenfolge und Zeitmanagement - emotionale Dysregulation
Genaues Hinschauen ist entscheidend für Diagnostik und Intervention.
Im Gegensatz zu ADHS ist ADS eine Ausprägung ohne Hyperaktivität und Getriebensein, dafür mit langsamerer kognitiver Verarbeitung, Brainfog und Tagträumerei, die statistisch vermehrt bei Mädchen und jungen bzw. erwachsenen Frauen auftritt. Diese Form wird häufig in der Diagnostik übersehen und ggf. als Angststörung oder Depressivität diagnostiziert. Im Erwachsenenalter sind aufgrund von Kompensationsstrategien äußere Auffälligkeiten weniger feststellbar, es findet eher ein „innerer Kampf“ statt.
Therapeutische Schwerpunkte
- Psychoedukation zur Entlastung und Selbstakzeptanz - psychotherapeutische Interventionen (z. B. Emotionsregulation, Selbstmanagement) - medikamentöse Unterstützung bei entsprechender Indikation - Einbindung des sozialen Umfelds (Elterntraining, schulische Anpassungen)
ASS – WENN WAHRNEHMUNG ANDERS ORGANISIERT IST
Die Autismus-Spektrum-Störung beschreibt eine neurologische Variante der Informationsverarbeitung. Der Ansatz der Neurodiversität hilft, die Unterschiede nicht als Defizit oder Störung, sondern als Abweichung von der Norm zu verstehen. Im Mittelpunkt stehen Besonderheiten in sozialer Interaktion, Kommunikation und sensorischer Verarbeitung.
Mila, neun Jahre alt, verfügt über ein beeindruckendes Wissen zu Spezialthemen wie Fahrplänen oder Tierarten. Gleichzeitig gerät sie im Schulalltag schnell in Stress – insbesondere bei Lärm oder unvorhergesehenen Veränderungen. Auf dem Pausenhof steht sie oft abseits, obwohl sie sich gern Kontakt wünscht. Aussagen wie „Beeil dich mal“ verunsichern sie, da ihr die konkrete Bedeutung nicht klar ist. Struktur und klare Sprache helfen ihr, sich zu orientieren. Auch im Erwachsenenalter zeigen sich ähnliche Muster: Jonas, 29, ist fachlich kompetent und arbeitet zuverlässig – solange Abläufe klar strukturiert sind. Soziale Situationen hingegen kosten ihn viel Energie. Small Talk, spontane Änderungen oder Gruppendynamiken führen zu Überforderung. Nach intensiven sozialen Tagen zieht er sich zurück, um sich zu regulieren. Seine vermeintliche Distanz wird von anderen häufig missverstanden.
Typische Merkmale
- Schwierigkeiten im Erfassen nonverbaler Kommunikation - wörtliches Sprachverständnis, Ironie, Metaphern
- sensorische Überempfindlichkeit
- repetitive Verhaltensweisen und Spezialinteressen
- Diskrepanz zwischen Kontaktwunsch und sozialer Umsetzung
Therapeutische Schwerpunkte
- Psychoedukation im Sinne von Neurodiversität
- Training sozialer Kompetenzen und alltagspraktischer Fähigkeiten - Einführen von strukturierten Abläufen
- Anpassung des Umfelds (klare Kommunikation, Vorhersehbarkeit, Reizreduktion) - Behandlung von Begleitsymptomen (z. B. Angst, Depression)
RIS – WENN FRÜHKINDLICHE REFLEXE NACHWIRKEN
Das Reflex-Integrations-Syndrom (RIS) stellt kein eigenständiges ICD-Diagnosebild dar, gewinnt jedoch in der praktischen Arbeit zunehmend an Bedeutung. Im Kern geht es um nicht vollständig integrierte frühkindliche Reflexe, die sich auf Motorik, Wahrnehmung und Verhalten auswirken.
Mit RIS im ständigen Ausgleich – der Körper sucht Stabilität durch permanente Anpassung. Ein Fallbeispiel macht dies deutlich. Emil, sieben Jahre alt, zeigt große Anstrengung beim Schreiben. Er verändert ständig seine Sitzposition, verkrampft die Hand und ermüdet schnell. Beim Ballspiel wirkt er unsicher, koordinative Abläufe fallen ihm schwer. Lehrkräfte beschreiben ihn als wechselhaft zwischen Unruhe und Erschöpfung. Eine genauere Betrachtung zeigt, nicht Motivation ist das Problem, sondern die sensomotorische Organisation.
Auch im Erwachsenenalter kann sich dies fortsetzen. Nora, 31, leidet unter schneller körperlicher Ermüdung bei sitzenden Tätigkeiten. Lesen fällt ihr schwer, da sie leicht die Zeile verliert. Tätigkeiten, die Koordination erfordern, vermeidet sie. Unter Stress nimmt ihre Unruhe zu, ohne dass ein typisches ADHS-Bild vorliegt. Therapeutisch zeigt sich, dass Haltung, Bewegung und Körperwahrnehmung zentrale Ansatzpunkte sind.
Typische Merkmale
- instabile Haltung und Koordinationsprobleme
- erhöhter motorischer Aufwand bei Alltagsaktivitäten - geringe Ausdauer
- unsichere Körperwahrnehmung
Therapeutische Schwerpunkte
- differenzierte Diagnostik zur Abgrenzung
- Reflexintegrationstraining (RIT)
- ergotherapeutische Begleitung
- gezielte Bewegungs- und Entlastungsstrategien im Alltag
GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE
In der Praxis überschneiden sich die Symptome häufig, insbesondere in den Bereichen Unruhe und Aufmerksamkeit. Die zugrunde liegenden Mechanismen unterscheiden sich jedoch grundlegend: ADHS wird eher als Suche nach Stimulation beschrieben. Die Bewegung erzeugt das fehlende Dopamin. Betroffene mit ASS wiederum suchen nach Regulation, um die Reizüberflutung abzubauen. Solche mit RIS hingegen wollen ständig den Körper nachjustieren und sind auf der Suche nach Haltung. Allen gemeinsam ist jedoch die motorische Unruhe und Unaufmerksamkeit. An dieser Stelle ist zu erkennen, dass diese Unterscheidung essenziell für die Therapieplanung ist und daher eine detaillierte Differenzialdiagnose notwendig ist.
KOMORBIDITÄTEN UND DIAG- NOSTISCHE HERAUSFORDERUNGEN
In vielen Fällen liegen weitere Störungsbilder vor, die das Gesamtbild komplexer machen. - Lernstörungen (LRS, Dyskalkulie)
- Sprachentwicklungsstörungen
- Tic-Störungen
- oppositionelles Verhalten
- Angststörungen und Depression
Eine isolierte Betrachtung einzelner Symptome greift daher oft zu kurz. Auch hier ist eine ganzheitliche, differenzialdiagnostische Herangehensweise unbedingt erforderlich. VORGEHEN IN DER THERAPEUTISCHEN PRAXIS
Ein strukturiertes Vorgehen unterstützt die Einordnung und verhindert vorschnelle Zuschreibungen:
1. Beobachtung: Verhalten konkret und kontextbezogen erfassen
2. Screening: Entwicklung in Familie, Schule sowie motorische, sprachliche und sensorische Aspekte berücksichtigen
3. Diagnostik: interdisziplinär (z. B. Psychiatrie, Ergo-, Logo-, Physiotherapie)
4. Hilfeplanung: Unterstützung frühzeitig beginnen, nicht erst nach endgültiger Diagnose
Warnsignale (Red Flags)
- Entwicklungsverzögerungen
- starke Reizüberflutung
- sozialer Rückzug
- emotionale Instabilität
- Schulverweigerung
- motorische oder sprachliche Auffälligkeiten
Die Rolle des Umfelds: Für Betroffene ist das Verständnis ihres Umfelds oft entscheidend. Fehlinterpretationen („will nicht“, „ist faul“, „ist unsozial“) führen nicht selten zu Eskalationen und sekundären Belastungen. Hilfreich sind: - klare, konkrete Kommunikation
- strukturierte Abläufe
- realistische Erwartungen
- positive Verstärkung
- Wissen über neurobiologische Zusammenhänge Gerade für Angehörige ist Aufklärung häufig eine spürbare Entlastung.
FAZIT
AD(H)S, ASS und RIS verdeutlichen, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung von Verhalten ist. Was oberflächlich ähnlich erscheint, kann verschiedene Ursachen haben – mit entsprechend unterschiedlichen therapeutischen Konsequenzen. Für die Praxis bedeutet das: - genau hinschauen statt vorschnell bewerten
- Zusammenhänge verstehen statt Symptome isoliert betrachten - individuell angepasste Interventionen entwickeln Denn nachhaltige Veränderung beginnt mit einem Perspektivwechsel. Verhalten ist kein Problem, sondern ein Hinweis.

Dr. rer. nat. Knut Menzel
Heilpraktiker für Psychotherapie, Autor, Praxis für Coaching und Training in Gütersloh
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