Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
viele Liebesbeziehungen scheitern nicht am großen Knall, sondern an kleinen, hartnäckigen Schieflagen: einer redet, der andere schweigt; einer sucht Nähe, der andere Luft; einer trägt die Beziehung wie ein schweres Tablett, während der andere bereits am Tisch sitzt und trotzdem nichts bestellt. So entsteht eine Verschiebung im Miteinander – und plötzlich kippt das Wir. Beispiel: Sie will klären, er will beruhigen. Sie fragt nach dem Zustand der Beziehung, er sagt: „Alles ist gut.“ Sie meint: „Bitte nimm mich ernst.“ Er meint: „Bitte kein Streit.“ Zwei gute Absichten, ein schlechtes Ergebnis.
Aus solchen Alltagsmomenten wachsen Missverständnisse, Rückzug, Kränkung und irgendwann das Gefühl, in derselben Wohnung, aber in verschiedenen Klimazonen zu leben. Zahlen zeigen, wie groß das Thema ist: In Deutschland werden seit Jahren mehr als ein Drittel aller Ehen geschieden; 2023 lag die Scheidungsquote laut Statistischem Bundesamt bei 35,7%. Gleichzeitig ist die Trennung oft nur die sichtbare Spitze: Viele Paare bleiben zusammen, obwohl sie innerlich längst auf Distanz gegangen sind. Unglück in Beziehungen ist eine Massenproblematik mit Folgen für Selbstwert, Gesundheit, Elternschaft und Lebensfreude.
Psychotherapeutisch geht es nicht vordergründig um Schuld, sondern um Muster. Wer spricht wie? Wer zieht sich wann zurück? Welche alten Verletzungen werden im Partner wieder lebendig? Was wird in der Beziehung verhandelt – Nähe, Sicherheit, Anerkennung, Autonomie?
Gute Therapie hilft, diese verdeckten Tauschgeschäfte sichtbar zu machen. Sie schafft Raum für die unbequeme, aber heilsame Einsicht: Nicht jeder Konflikt ist ein Charakterfehler, oft ist er ein schlecht organisierter Versuch, geliebt zu werden. Die Herausforderung bleibt eine glückliche Partnerschaft. Das bedeutet dauerhafte Beziehungsarbeit. Wer Liebe erhalten will, braucht die Bereitschaft, sich immer wieder neu aufeinander einzustellen. In dieser Ausgabe erklären Gisela & Herbert Ruffer, wie Paare aus dem Gleichgewicht in eine Schieflage geraten – und wie sie ihr Glück und ihre Liebe wiederfinden können: pointiert, praxisnah und mit dem Blick für das, was zwischen zwei Menschen wirklich passiert.
Weitere Themen sind Kunst auf Rezept, Neurofeedback und Naturerfahrungen bei Social-Media-Überforderung, Autogenes Training, Psychotherapie bei ME/CFS, die Kraft des Betens, Wenn Zukunft berührbar wird, ADHS/ASS/RIS verstehen u.v.m. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
Ihr Dr. paed. Werner Weishaupt Präsident des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e. V.
GENDER-HINWEIS Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Magazin auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
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