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Schieflagen in Liebesbeziehungen

Eine Wippschaukel macht nur dann Spaß, wenn sie in Bewegung ist, im fortlaufenden Wechselspiel, wenn mal der eine oben ist und dann der andere. Stillstand in Schieflage ist ungut. Als Kinder nannten wir das „den anderen verhungern lassen“.

Sind wir nicht alle Spezialisten darin, zu erkennen, wenn etwas schiefläuft oder jemand „schräg“ ist? Fast jeder kennt den schiefen Turm von Pisa, der mittlerweile ein Markenzeichen und ein Kulturerbe ist. Menschen strömen dorthin, um sich mit diesem Bauwerk fotografieren zu lassen. Denn wie kann etwas noch stehen, obwohl es so schräg gegen den Horizont steht? Es gleicht einem Unfall, und entsprechend ist die voyeuristische Faszination des Geschehens groß.

Wenn wir von schrägen Typen reden, ist klar, dass wir hier nichts zu erwarten haben. Begegnen wir jemandem mit einer Schrägstellung der Augen, unterstellen wir gerne mal, dass der keinen Durchblick hat, und bei einem verkürzten Bein reden wir von Behinderung, die auch unterstellen kann, dass wir diese Behinderung auf den ganzen Menschen anwenden und nicht nur von einem verkürzten Bein reden. Kurzum: Schräg oder schief bedeutet verkehrt und verleitet uns dazu, es sofort als unpassend oder sogar gefährlich zu titulieren.

Schauen wir uns unser Beziehungsgeflecht an, wird auch hier ganz schnell klar, wo sich da Schieflagen auftun. Früher war klar, dass Eltern sich um die Kinder kümmern. Der Deal war: Im Alter kümmern sich die Kinder um die Eltern. Das funktioniert aus diversen Gründen schon lange nicht mehr so automatisch. Durch die Jobs in der Industrie gibt es keinen Hof mehr zu vererben und das ersatzweise Rentensystem kollabiert. Schieflage! Aber das ist uns allen sehr klar und sowohl die Politik als auch jeder Einzelne von uns sucht nach Lösungen – oder sollte es zumindest. Ansonsten werden wir uns mit der Kuriosität dieses Unfalls (wie beim Turm von Pisa) demnächst fotografieren lassen müssen.

Die Wippe bringen wir nur wieder in Gang, wenn wir unsere Machtspiele erkennen und darauf verzichten.

GEBEN UND NEHMEN

Ungleichgewichte gibt es in jeder Liebesbeziehung, sei es die Elternbeziehung oder die Paarbeziehung. Zum Beispiel im Spannungsfeld zwischen Geben und Nehmen. Im Normalfall ist es so, dass, wenn wir von jemandem etwas bekommen, dann nehmen wir das gerne und dankbar an. Und zugleich sind wir bestrebt, einen Ausgleich zu schaffen, indem wir umgekehrt auch etwas geben. Bringen Gäste zum gemeinsamen Abendessen eine teure Flasche Wein mit, so revanchieren wir uns bei einer entsprechenden Gelegenheit mit einer ebenso teuren Flasche Wein. So bleibt die Beziehung in Balance und Bewegung – und ist lebendig. Zwischen Geben und Zurückgeben funktioniert die Wippschaukel ganz gut. Auch bei Eltern und Kindern. Letztere möchten oft gerne etwas zurückgeben.

In Paarbeziehungen kommt es mittlerweile immer früher zum „Abschlussbild“. Was zunächst wie das fröhliche Wippen von Kindern auf dem Spielplatz beginnt, wird in manchen Phasen des gemeinsamen Lebens zum „Verhungern lassen“ des anderen. Als wir noch Kinder waren, machten wir uns oft einen Spaß daraus, unser Gewicht auf der Wippe nach hinten zu verlagern, um dadurch schwerer zu werden. Das Ergebnis war, dass der andere oben auf der Wippe verharren musste, also „verhungern“. Anfangs vielleicht lachte der andere noch, dann zappelte und schimpfte er und wenn das Gegenüber nicht einlenken wollte, sprang er oder sie manchmal mit etwas Mut einfach von der Wippe. Damit war das Spiel – und meist auch der Spaß – beendet. Im Grunde genommen ein Machtspiel. Wenn sich nicht jeder um die Stimmigkeit – den Ausgleich – bemüht hat, war der Spaß ganz schnell zu Ende.

Wenn mein großer Bruder und ich auf der Wippe saßen, konnte das nur so funktionieren, dass er weiter nach vorne rutschte, sich also leichter machte, und ich weiter nach hinten, also gefühlt schwerer wurde. Das ging so lange gut, bis es ihm zu langweilig wurde und er die Gunst der Stunde erkannte. Dann warf er sich nach hinten, lachte und meinte: „Wenn ich dich runterlasse, was bekomme ich dafür?“ Sie ahnen es, das Spiel ging selten gut für mich aus. Große Brüder reagieren da auch wenig auf Tränen.


Machen wir uns nichts vor. Auch in Paarbeziehungen sind selten beide Partner „gleich gewichtig“. Wo anfänglich noch der wohlwollende Ausgleich stattfindet, überkommt irgendwann den einen (das vermeintliche „Schwergewicht“) der Machthunger und dann macht er seine Stärke geltend, um vom Partner „Leichtgewicht“ etwas zu erpressen. Die Motive und Beweggründe liegen da leider nicht so offensichtlich auf der Hand wie bei meinem Bruder und mir. Denn die Bereiche in einer Beziehung sind ja breit gefächert.
Was könnte also geschehen, wenn sich hauptsächlich der eine oder die eine um das finanzielle Einkommen kümmert? Dann lautet der (oft unausgesprochene) Deal meist, dass der Partner sich mehr um den Haushalt kümmert und auch um die Fürsorge für die Kinder und/oder Tiere. Wie ist da die Verteilung? Wie ist es mit Garten, Freunden, Hobbys? Und wie geht gleich noch mal und die ewige Geschichte mit der Spülmaschine? Das Gerangel um die gerechte Verteilung, damit keine Schieflage aufkommt, hört wohl nie auf, oder?

DIE KÜMMERER

Bei Einseitigkeiten kann die Beziehung in eine Schräglage geraten. Oft ist einer mehr der „Kümmerer“. So wie Wasser nicht nicht fließen kann, so können diese sich nicht nicht kümmern. Wann immer etwas auftaucht, um das sich gekümmert werden muss, dann fühlen sie sich angesprochen und „kümmern“ sich – auch wenn die Sache sie eigentlich gar nichts angeht. Dadurch kommt es zu Schieflagen in Beziehungen. Der „Kümmerer“ ist der Gebende und die anderen geraten in die Rolle des Nehmenden und so immer mehr in eine aussichtslose Schuldnerposition („Bekümmerte“). So ist es oft bei Kindern gegenüber ihren Eltern, wenn diese nicht auch in die Pflicht genommen und zum Mithelfen im Alltag angehalten werden bei Arbeiten in Haushalt und Garten.

In der partnerschaftlichen „Liebe im Alltag“ bedeutet diese für Frauen meist Hilfe im Haushalt, weil das ihr Alltag ist – auch wenn sie zusätzlich berufstätig sind.

Kochen, putzen, waschen und sich um die Kinder kümmern beim Spielen oder Hausaufgaben machen, da helfen Männer schon mal mit. Aber Mann und Hausarbeit funktioniert meist nicht, weil frau in der Regel da die Chefin ist und die Anweisungen gibt. Sie ist die Expertin und er fühlt sich klein, denn sie kontrolliert, lobt und kritisiert. Dabei will er doch die „große Tat“ vollbringen, die heroische Leistung. Aber Lob ist keine Bewunderung! Da geht er lieber Geld verdienen, kümmert sich zu Hause um das Auto, die Technik und die Instandhaltung. Im Haushalt ist er eher der Nehmende und sie die Gebende – zumindest gefühlsmäßig. Und „fühlen“ tut er sich als Ehemann und Vater ihr gegenüber in der Schuldnerposition, die er auch nicht durch noch so viele Überstunden oder handwerkliche Tätigkeiten im Haus ausgeglichen bekommt. „Ich hasse dieses für mich als Mann schier unerträgliche Gefühl, nicht zu genügen, wie sehr ich mich auch recke und strecke. Immer bleibt man(n) zu kurz!“ So formulierte ein Ehemann in unserer Praxis sein Leid. „Und obendrein bekomme ich ihren heimlichen Groll zu spüren, wenngleich in kleinen Dosierungen und nur zwischen den Zeilen.“ Das vermeintliche „Schwergewicht“ schafft eine Überlegenheit auf der Beziehungsschaukel und lässt den anderen „verhungern“. Jener hat dann das Gefühl, der zu sein, der den anderen „braucht“ und zugleich wächst in ihm das Gefühl, selbst nicht wirklich gebraucht oder zumindest mit seinem Beitrag nicht anerkannt zu werden. Und so sucht sich dieses Bedürfnis nach Geltung, wie ein Cruise-Missile, das das eigentliche Ziel verfehlt hat, ein neues.

Oft wird dadurch aus einer Zweier- eine Dreierbeziehung; der „Verhungernde“ lässt sich auf eine emotionale oder emotional-sexuelle Affäre ein. Es wirkt so, als ob sich derjenige, der „oben auf der Schaukel festgefroren“ ist, jemanden zur Verstärkung an seine Seite holt, damit die Sache aus der Ruhe und damit wieder in Bewegung gerät. Das tut sie dann auch – oft mehr, als einem lieb ist.

Anfänglich erträgt ein Partner häufig viel, damit es zu keinem Streit kommt. Irgendwann tauchen Begriffe wie Rücksichtslosigkeit, Überforderung und Narzissmus auf. Jetzt wird es auch im Streit verschärfter: „Ich mache ja nur, weil du gesagt oder gemacht hast.“ Dann wird die Diskussion zum Kartenspiel: „Ich mache, weil du …“, „Ha, und ich mache ja nur, weil du …“ und die letzte Karte ist dann: „Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen! Und dann wirst du schon sehen, was du davon hast.“ Und dann kann es passieren, dass einer von der Wippe springt. Für uns ist es oft eindrücklich, dass dieser Machtkampf gerne mal an der Spülmaschine festgemacht wird. Wer ist hier kompetenter, umweltbewusster, hat Ahnung von Ordnung und v. a.: Wer behält das letzte Wort bzgl. der „Schieflage“ in der Maschine. Letzten Endes heißt das: Wer von uns beiden hat die größere Macke?

Einerseits ist da die Sehnsucht nach den Wurzeln, andererseits die nach Flügeln.

DOMINANZ UND FÜGUNG

Es braucht in langfristigen Beziehungen einen Ausgleich zwischen Dominanz und Fügung, zwei nicht zu unterschätzende Persönlichkeitsenergien mit ausgeprägtem Betätigungsdrang. Die eine Energie will bestimmen und die andere will ihren Platz im jeweiligen Gefüge finden. Ganz schnell kann dies zu Einseitigkeiten führen, die den einen wie den anderen unzufrieden machen. Die Länge trägt die Last. „Immer muss ich entscheiden“, klagt der eine, und „Immer tun wir, was du willst“, beschwert sich der andere. Sowohl in Dauerverantwortung zu leben als auch in beständiger Unterwerfung, ist weder für den einen noch für den anderen lustig. Die Wippe macht nur Spaß, wenn sie in Balance und Bewegung ist, im Auf und Ab. Ständige Einseitigkeiten sind ungut. Der österreichische Theologe, Eheberater und Lehrtherapeut für Transaktionsanalyse Hans Jellouschek bringt das treffend auf den Punkt: „Beide Partner brauchen in gleicher Weise das Gefühl, bestimmen zu können und Einfluss zu haben. Dazu müssen aber beide in der Lage sein, sich dem anderen anzuschließen, dem anderen auch nachzugeben und ihm zu folgen, wenn es die Umstände sinnvoll oder nötig erscheinen lassen.“

ZUSAMMENLEBEN UND EIGENLEBEN

Eine (ge)wichtige weitere Balance- und Bewegungsherausforderung besteht zwischen Zusammenleben und Eigenleben. Auf der einen Seite der Wippe befindet sich das zu tiefste Bedürfnis nach Bindung, Verbundenheit und Zugehörigkeit. Auf der anderen Seite stehen Autonomie, Freiheit und Unabhängigkeit. Für das Zusammenleben existiert in den Köpfen der Beteiligten so etwas wie ein „ungeschriebener Beziehungsvertrag“ mit diversen impliziten Erwartungen an den anderen, welche eine Art „Paar-Mythos“ begründen. Es scheint so, als ob für alle klar ist, was zusammen gemacht wird und was nicht. Und wenn einer dann wirklich mal was alleine machen möchte, fühlt es sich für den anderen so an, als würde damit ein „Verrat“ geschehen – an der Paar-Utopie wohlgemerkt! Das Gesicht der Liebe, das wir als Verbundenheit kennen, fühlt sich auf lange Sicht wie Gebundenheit an. Selbstbewusste Abgrenzungen – im Kontrast zu Überabgrenzungen aus Notwehr – werden immer schwieriger und die Angst um den Ich-Verlust beginnt die Angst um den Du-Verlust abzulösen. War man zu Beginn der Liebesbeziehung „ganz beim anderen“, so will man jetzt wieder mehr „ganz bei sich“ sein. Die Treue zum andern bekommt Konkurrenz durch die Treue zu sich selbst.

Häufig geschieht dies nicht erst in der Midlife-Crisis. Schon weit vor der Lebensmitte entdecken Frauen, dass sie in ihrer Herkunftsfamilie nur ein ungenügendes Gefühl für ihr Selbst entwickeln konnten. Und 

nun dreht sich ihr Leben um die Gefühle des Mannes und/oder der Kinder. Zeitgleich werden sie von Boutiquen, Schönheitsinstituten sowie den Gebieten der Psychotherapie und Frauenmedizin als geeignete Kundinnen angesprochen und beworben. Einstiegs-, Fortbildungs- und Aufstiegstrainings im Berufsleben bieten sich ihnen an und die Arbeitswelt lockt mit einer Identität als „Erfolgsfrau“. Und dann kommen später auch noch die sich anbahnenden Wechseljahre hinzu, die zusätzlich am gefühlt geringen Selbstwertgefühl nagen. Die eigenen Eltern und/oder die des Mannes winken womöglich schon mit einem gestiegenen Kümmer- und/oder Pflegebedarf. Die Kinder fallen mehr und mehr als Gesprächspartner weg, weil sie ihre eigenen Wege gehen – und gehen müssen. Und der Mann, der sich neben dem Beruf in die Familie, den Haushalt und die Kindererziehung eingebracht hat, kommt – ironisch formuliert – in seiner Rolle als erfolgreicher Aufsteiger am Ende der Karriere an. In der Firma verbleibt er dann bis zum Ruhestand im goldenen Käfig, in welchen er auch andere miteingesperrt hat. Oder er wird zur „grauen Maus“ und leidet unter Boreout, dem Stress der Eintönigkeit, angeödet von purer Langeweile. „Beruflicher Erfolg ist nicht alles“, weiß er jetzt. Und obendrein macht ihm die Prostata zu schaffen. Seinen Mann stehen beim Sex kann er jetzt nicht mehr so gut. Das Gespenst des Zurückfallens in die Kargheit geht um. „Ich habe mich halb zu Tode geschuftet für Frau und Kinder und geholfen, wo ich nur konnte, und nun hat sie einen anderen und nimmt mir alles weg.“ So klagt ein frustrierter Ehemann, dessen Frau die Scheidung eingereicht hatte. Zeit, sich endlich um sich selbst zu kümmern. Aber wie? Eine neue Frau? Eine Harley-Davidson? Oder gleich auswandern und neu anfangen?

SICHERHEIT UND ERREGUNG

Hier stoßen wir auf ein weiteres Spannungsfeld in Liebesbeziehungen, die auf Dauer angelegt sind, nämlich das zwischen Sicherheit und Erregung (sprich: das Gefühl, sich lebendig zu fühlen). Auf der Seite der Sicherheit herrscht das Eingeschliffene und Gewohnte, die Gepflogenheiten, das Vertraute und Vereinbarte – schlicht: die Geborgenheit und der Status quo. Auf der anderen Seite lockt das Abenteuer, das Neue und Fremde. Oft geht die Vertrautheit mit den Sonnen- und Schattenseiten des anderen unbemerkt über in Eintönigkeit, Langeweile und manchmal sogar Verdruss. Und dies nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch im Schlafzimmer. Die wechselseitige Attraktivität schwindet. Dabei wollten die beiden doch füreinander ein Leben lang „Lovers“ sein – „the most attractive man and woman on earth“ für den Ehepartner.


Nicht selten wächst in solchen Gefühlsphasen bei einem – oder beiden – der sexuelle Drang. Dieser ist zwar nicht ganz so schlimm wie Harndrang, aber dennoch spürbar. Die Libido zeigt sich als verbliebene und immer noch vorhandene Erregbarkeit und weist darauf hin, dass die Leidenschaft noch lebt – und manchmal sogar bebt. Und ebenso selten geschieht dann eine Ausflucht in eine Dreierbeziehung. Dort erhofft man sich Freiräume für Muße – und eine Muse (männlich oder weiblich) –, wo es im sicheren Hafen doch nur noch Fixpunkte gibt. Man(n) fühlt sich wieder lebendig und wie ein „richtiger Mann“. Frauen geht es da nicht anders. „Ich bin unsichtbar geworden“, beschreibt eine Frau im mittleren Alter ihr Dilemma in unserer Praxis. „Früher drehten sich die Männer auf der Straße nach mir um. Und nun merkt nicht mal mehr mein Mann, wenn ich mich aufgehübscht habe. Die große Liebe bin ich schon

lange nicht mehr, von sexueller Leidenschaft ganz zu schweigen. Wie gut tat es da, überhaupt wieder mal gesehen zu werden, angesprochen zu werden, nach dem Namen gefragt zu werden – und nach der Telefonnummer – angeschrieben zu werden, mit beschwingter Leichtigkeit zu chatten, ein wenig leichtsinnig zu flirten, sich zu treffen … und plötzlich merkte ich, dass ich dabei war, mich zu verlieben. Und schon befand ich mich in einer emotionalen Affäre, die dann auch zu einer sexuellen wurde. Einerseits fühlte ich mich schäbig gegenüber meinem Mann und meinen Kindern, und gleichzeitig fühlte ich mich als Vollweib in den Armen des anderen.“ Im Spannungsfeld zwischen verzehrender Leidenschaft und verbindlicher „langer Weile“ zu leben, bedeutet auch, zwischen dem Gestern und dem Morgen Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken und zu nutzen und die Vergangenheit in Zukunft zu verwandeln. Auf der einen Seite der Wippe ist das „so ist es“ (die Tradition) und auf der anderen Seite das „so könnte es sein“ (der Wandel). 

WURZELN UND FLÜGEL

Einerseits ist da die Sehnsucht nach Wurzeln und zugleich die nach Flügeln. In uns Menschen besteht das Bedürfnis nach Versorgung mit Affekten, Emotionen, Gefühlen und Liebe – die Wurzeln. Zugleich spüren wir die Sehnsucht – die Flügel – mehr zu werden von dem, was wir schon immer sind. In einem Kirschkern ist schließlich schon der ganze Kirschbaum in seiner Frühjahrsblüte und mit seinen Früchten zur Erntezeit drin. Und in einer Eichel ist die ganze Eiche drin. Es kann also bei persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung nicht darum gehen, dass aus einer Eiche eine Douglastanne wird, sondern immer nur eine größere Eiche. Es geht im Leben darum, dass wir mehr werden von dem, was wir schon immer sind. Ganz oft haben Männer (auch Frauen), die Karriere machen (Flügel), eine heimliche Angst vor dem Nichtgenügen des verdienten Geldes für die Fülle an Wünschen, auf die sie zu Hause treffen. Und kommen sie dann von der Arbeit heim, „bemühen“ sie sich, gute Eheleute und Eltern zu sein. Männer haben dennoch oft das Gefühl, nicht „richtig“ mitgeholfen zu haben. Und die Ehefrau und Mutter ist nicht nur manchmal hoffnungslos überlastet und fühlt sich für alles schuldig, was im Leben des Kindes oder der Kinder nicht rundläuft. Sie hat das Gefühl, etwas nicht „richtig“ gemacht zu haben. In diese beiden Wunden obendrein Salz zu streuen, ist nur allzu leicht, wenn die Beteiligten eh schon im Stress sind.


Er (Alleinverdiener in gehobener Position): „Du kannst ja gerne mal meinen Job machen! Acht Stunden, Tag für Tag anstrengende Gespräche führen, Ärger wegstecken und Lösungen finden, Widerstände überwinden und dabei stets freundlich sein.“ Sie („nur“ Mutter und Hausfrau): „Und du kannst gerne mal zwölf Stunden, Tag für Tag jemanden am Rockzipfel kleben haben, der was von dir will und unter Dauerbeschallung nebenbei all die wiederkehrenden Arbeiten verrichten!“

So oder so ähnlich hört sich das dann an. Und schon sind Worte gefallen, die noch immer im Raum stehen. Sie liegen zwischen den Beteiligten wie kleine 

Legosteine, die beim Aufräumen übersehen wurden. Und beim Drauftreten auf dem Weg zueinander tun sie furchtbar weh und sie machen ein Zusammenkommen fast unmöglich. Es sind dies die vielleicht unbedacht geäußerten Worte und Sätze – oder mitunter auch ganz gezielt, um den anderen zu verletzen, um zu gewinnen, im Kampf gegen den anderen. Jeder ist nun infiziert von der Abwehr des anderen. Das Klima hat sich schon lange verändert. Das Belauern nimmt zu. Wenn jetzt noch jemand meint, dass man ja eigentlich den anderen noch liebt und gerne mit ihm oder ihr zusammen sein will, dann wirkt das wie blanker Hohn und wird entsprechend kommentiert.

NÄHE UND DISTANZ

Diese müssen immer wieder neu reguliert werden. Zwei Kerzen, die zu nah beieinander brennen, verschmelzen miteinander. Es braucht die Kräfte der Auseinandersetzung, um sich immer wieder selbst zu spüren, für sich einzutreten, selbst zu entscheiden und dann auch die Verantwortung zu übernehmen. So kann man in Beziehung treten. Es sind die unterschiedlichen Pole, die sich anziehen. Aus dem Unterschied und der Differenzierung erwächst die Attraktion füreinander. Zu viel Verschmelzung führt zu einem emotionalen Einheitsbrei. In diesem regt sich früher oder später Widerstand.

Zuvor ist aber schon etwas ganz Entscheidendes passiert: Das sexuelle Miteinander ist aus dem Gleichgewicht geraten. Und machen wir uns nichts vor: Wir würden selten eine nette Wohngemeinschaft mit unserem Sexualpartner gründen, oder? Das machen wir mit anderen. Daher ist es illusorisch zu glauben, dass Sexualität irgendwann in den Hintergrund rücken darf und sich zugleich Harmonie breitmacht. Natürlich verändert sich unsere Sexualität im Laufe der Jahre. Aber Veränderung muss nicht gleich Auflösung bedeuten. Veränderung heißt: Das veränderte Empfinden und die damit verbundenen Bedürfnisse zu artikulieren. Wir müssen bezüglich unserer Sexualität im Gespräch bleiben oder wieder ins Gespräch kommen. Denn da ist nichts als selbstverständlich zu sehen.

Wenn es gelingt, als Sexualpartner im Gespräch zu bleiben – und damit meine ich die Möglichkeit von seinen eigenen Empfindungen zu reden – ohne dem Gegenüber mit Vorwürfen zu kommen, den anderen ausreden zu lassen, nicht einzuschnappen, sondern nach Lösungen zu suchen. Dann könnte dieses reizvolle Machtspiel, nämlich Sexualität, wieder im Schlafzimmer (oder wo auch immer) stattfinden und müsste sich nicht an der Spülmaschine austoben. Doch zuvor muss Versöhnung stattfinden. Das Ausräumen all der Legosteine, der ausgesprochenen Beleidigungen, Herabsetzungen und Kränkungen. Es braucht ein Zurücknehmen und Vergeben ebenso wie die Bereitschaft, eigene Fehler zuzugeben. Und manchmal muss man auch eine Entschuldigung einfordern für das Verhalten oder die Aussagen, die der andere gemacht hat, aber nie wusste, was es in uns angerichtet hat, was uns verletzt hat.

Die Wippe bringen wir nur wieder in Gang, wenn wir bereit sind, unsere Machtspiele zu erkennen und darauf zu verzichten. Es ist bestimmt klug, den ganzen Raum zwischen einander aufzuräumen. Das bedeutet auch, auf das Eingeschnapptsein und auf die vorgeschützte Schwäche zu verzichten; denn auch das gehört in den Bereich der Machtspiele und somit zu den Schieflagen. Zugegeben: Ja, das ist etwas aufwendig, aber es lohnt sich.

Als unsere Kinder noch klein waren, wollten sie immer wieder etwas von den Dingen, die ich mit Absicht ganz oben auf den Schrank gestellt hatte. Natürlich hätte ich vor dem trotzigen Toben einknicken können. Stattdessen sagte ich: „Da musst du wohl noch wachsen.“

Unsere Kinder liebten die Geschichte der kleinen Kugeleiche, die bei Vollmond staunend neben der großen Kugeleiche stand und fragte: „Was muss ich tun, damit ich genauso groß werde wie du?“ Darauf antwortete die große Kugeleiche: „Du musst dich nur wachsen lassen!“

Heißt: Das Ziel sollte nie sein, den anderen kleiner zu machen, damit man besser abschneidet, sondern jeder sollte bestrebt sein, sich wachsen zu lassen und auch dem anderen genug Licht zu lassen, damit er wachsen kann. Denn Schieflagen dürfen, wie auf einer Wippe, kein Dauerzustand sein, sondern nur ein Übergang. Und zugleich gehören sie zum Spiel der Liebe dazu.

Ungleich- gewichte gibt es in jeder Liebesbeziehung.

Gisela & Herbert Ruffer
Heilpraktiker für Psychotherapie mit Schwerpunkt Paartherapie, Praxis in Landshut
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Das Gesicht der Liebe, das wir als Verbundenheit kennen, fühlt sich auf lange Sicht wie Gebundenheit an.

 

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