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Die Kraft des Betens

Bevor Sie vielleicht denken, dieses Thema passe wohl besser in eine christlich orientierte Zeitschrift, möchte ich Sie einladen, einen Moment offenzubleiben: Mein persönlicher Zugang hat nichts mit der traditionellen Kirche und organisierter Religion zu tun. Beten muss nicht zwangsläufig an bestimmte religiöse Vorstellungen, an Jesus oder die heilige Maria gebunden sein. Vielmehr verstehe ich es als eine Form der inneren Ausrichtung, die unabhängig von konfessionellen Bindungen erlebt werden kann.

Mit diesen Gedanken wende ich mich v. a.

an Menschen, deren gesunder Idealismus ungebrochen ist und die fast alles tun würden, um einem Notleidenden zu helfen – auch wenn die Methodik noch

so unkonventionell ist. Es soll ja auch Heilpraktiker und sogar einige Ärzte geben, die Reiki und andere Formen energetischer Heilung in ihre therapeutische Arbeit einfließen lassen. Im Grunde ist alles, was einen Hilfsbedürftigen aus seiner Misere zieht, was ihm Kraft und Freude verleiht, Therapie.

In Indien gibt es Ayurveda-Ärzte, die vor der Behandlung eine Kerze anzünden vor einem Heiligenbild, kurz die Hände falten und um Beistand bitten. Und in Sri Lanka habe ich oft genug erlebt, dass Astrologen und Handlinienleser, sich zu einem Bild an der Wand wendend, laut eine Bitte aussprechen, dass nichts als die Wahrheit über ihre Lippen gehen möge, egal ob sie Buddhisten oder Christen sind. Man muss also zum Beten nicht unbedingt in die Kirche gehen und „den lieben Gott“ (im katholischen Sinne) ansprechen.

Es gibt Härtefälle in unserem Beratungsalltag, da denkt man für sich: „Oh Backe! Was für ein armes Schwein.“ Man muss dann als professioneller Berater oder Therapeut sein Mitgefühl mitsamt Tränen unterdrücken, um mit einer gewissen Distanz neutral arbeiten zu können. Ich hatte mal einen Fall in meiner früheren Zeit in Baden-Baden, wo ein Ehepaar aus Österreich in mein Ayurveda-Center mit 12 Mitarbeitern kam, schweigend vor mir saß und ewig brauchte, um die richtigen Worte zu finden. Es lag eine unbeschreibliche Schwere und Trauer in der Luft. Der Mann erklärte mit gebrochener Stimme, ihr gemeinsamer Sohn sei vor wenigen Monaten durch einen Motorradunfall gestorben und seine Frau ist seitdem suizidal. Von den aufgesuchten Psychologen konnte keiner helfen. Seine Frau habe seit dem Verlust weder gelächelt noch am Leben richtig teilnehmen können.

Da musste ich erst mal schlucken. Mit solchen Fällen kannte ich mich zu wenig aus. Außerdem gehören solche nicht zum Repertoire eines Ayurveda-Centers. Ich brachte es jedoch nicht fertig, die beiden fortzuschicken. Aus Gründen, die mir bis heute unbekannt sind, sahen die beiden mich als letzte Rettung. Als Nichtmediziner begab ich mich da aufs Glatteis, alleine schon rechtlich gesehen. Ohne irgendwelche Versprechen oder Hoffnung zu machen, schlug ich eine Serie von Stirngüssen „Shirodhara“ vor. Aus meiner Zeit in Indien wusste ich, dass diese uralte Therapie bei Traumata helfen kann.

Zuvor wird der Kopf des Patienten im Sitzen mit warmem Öl eingerieben, wobei ich hierbei schon Reiki einfließen ließ – und das, obwohl ich gerade erst eine Einweihung hinter mir hatte, also Anfänger war. Beim Gießen von Öl auf die Stirn der Frau betete ich unentwegt. Ich bat die Höhere Macht um Beistand. Im Prinzip war die ganze Anwendung ein einziges Gebet. Ihr Mann buchte vier Anwendungen. Doch zum vierten Termin erschien sie nicht.

Ich geriet in Panik. Sie wird doch wohl nicht … schoss es mir durch den Kopf. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens rief ich im Hotel an. Der Hotelier sagte, ich möge doch mal kurz vorbeikommen. Angsterfüllt und vom Schlimmsten ausgehend lief ich zittrig zur Rezeption, wo der Hotelier bereits wartete. Das Paar sei vor einer Stunde Richtung Österreich abgereist. Schade zwar fürs Hotelgeschäft, aber die beiden seien wie verwandelt gewesen. Bereits am Abend zuvor habe die Frau zum ersten Mal gelächelt. Und beim Frühstück hätten sie gescherzt und gelacht. Der Mann habe einen Umschlag für mich hinterlassen. Als ich ihn öffnete, fand ich ein Dankesschreiben und 300 Euro Trinkgeld darin. Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Instinktiv wusste ich, dass da andere Mächte am Werk waren als meine Wenigkeit und ich nur als „Durchlauferhitzer“ fungierte. Im Verlauf von 20 Jahren wurden drei weitere Härtefälle an mich herangetragen, wo ich erkannte, da hilft nur noch beten. Und so war es denn auch. In meinem Buch „Geistwesen“ dokumentierte ich einen Fall, wo zwei Sri Lanker für einen Freund beteten. Beide Buddhisten, beide bis heute davon überzeugt, ihr inniges Beten habe eine Spontanheilung ausgelöst. Denn das Krankenhaus gab dem dort stationierten Freund nur noch wenige Tage zu leben.

Trotz dieser Erlebnisse steht mir nicht immer der Sinn nach beten für andere. Ich gebe zu, nicht immer die notwendige Hilfsabsicht zu haben, gerade bei schwierigen, beratungsintensiven Fällen. Verärgert durch Enttäuschungen mit Mitmenschen, frustriert über Mangel an Freude und Liebe im eigenen Leben, fehlt mir hin und wieder die offene Einstellung zum Helfen, gerade dann, wenn es eine totale Herzöffnung erfordert. Und, seien wir mal ehrlich, tragen nicht viele von uns (Psychologen und Therapeuten) eine Last mit sich herum, die unsere Herzenergie mitsamt Empathie stagnieren lässt? Was also tun? Wie kann man Liebe und Hilfe anbieten, wenn man selbst nicht genug davon hat?

Wie kann man Kraft und Liebe anbieten, wenn man selbst nicht genug davon hat?

die eigene Herzenergie sofort ansteigen lässt wie nichts Vergleichbares. Das Entfachen des Wunsches, einem Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ist im Prinzip eine radikale Herzöffnung und löst sämtliche Blockaden in einem selbst. Diese Einstellung können wir uns immer wieder vergegenwärtigen.

Nun weiß ich, dass unter den Lesern viele Idealisten sind, mit absolut guten Absichten und dem Wunsch, anderen zu helfen. Damit meine ich nicht jene mit einem Helfersyndrom, mit dem man primär, wenn auch unbewusst, sich selbst helfen will. Nein, es gibt sie noch: die Berater mit ehrlicher Absicht, die zum Wohlergehen anderer etwas beitragen wollen, egal ob Klient oder Patient. Und diese Absicht ist quasi schon ein Gebet. Wir müssen es nur in unser Bewusstsein rufen.

Und seien wir nicht zu überheblich oder zu stolz, um bei schwierigen Fällen Unterstützung aus dem Universum anzufordern, mit oder ohne Religion. Trauen wir uns ruhig, öfter mal die Höhere Macht um Beistand zu bitten, für die eigene Heilung wie für die der anderen. Besinnen wir uns auf die Kraft im Herzen und lassen wir unser inneres Licht mit dem Beistand von „oben“ auf andere scheinen. Es funktioniert. Es funktioniert wirklich!

Prof. h. c. Manfred Krames
Experte für Psychosomatik, mehrfacher Buchautor Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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