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Kunst auf Rezept - Moderne Hilfe in der Psychotherapie

Welche akzentuiert nichtsprachlichen und innovativen Wege kann Psychotherapie einschlagen, um Zugang zu finden zu jenen Personen(kreisen), die wortsprachlich nicht bis kaum erreichbar sind? Diese Frage stellt sich immer dringlicher – eingedenk der rasanten Zunahme des Bedarfs unter Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und dementen Senioren.

Die forcierte Nachfrage nach neuartigen Zugangswegen im nonverbalen Bereich wird zudem im Licht von Statistiken und anderen empirischen Daten sichtbar, die erhebliche Mängel in literaler Bildung, emotionaler Intelligenz, psychischer Selbstregulation, Stabilität bzw. Resilienz, Lern- bzw. Anstrengungsbereitschaft konstatieren.


Neben dem facettenreichen Genre von Comics laden empirische Daten aus diversen Pilot- und Forschungsprojekten im heterogenen Bereich von Kunst und Kultur zu noch unkonventionellerem Vorgehen ein. Die Rede ist von Social Prescribing, Arts on Prescription: Kunst auf Rezept. Forschung und Empirie zeigen bis dato, dass Kunstdarbietungen/-erleben, Museumsbesuche und weitere Kulturangebote ein vielversprechender Weg zu seelischer Heilung sind und sich als Teil psychotherapeutischer Intervention und Begleitung bewähren.

SOCIAL PRESCRIBING

Statt Tabletten ein Ticket: Vor über zehn Jahren begann in Großbritannien ein Experiment, das heute weltweit Nachahmer findet – von Kanada über Belgien bis Frankreich. Ärzte verschreiben kostenlos Museumsbesuche – gegen Stress, Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Und in Deutschland? Hier steckt die Idee noch in den Anfängen. Social Prescribing: Ärzte in Großbritannien verschreiben Museumsbesuche gegen Stress, Depressionen und andere psychische Erkrankungen – mit messbarem Erfolg, wie etwa die 2023 erhobenen Daten der „Culture Health & Wellbeing Alliance“, einem landesweiten Netzwerk kreativer Gesundheitsinitiativen, belegen.

In Kanada rezeptieren Ärzte in Montreal seit 2018 Besuche im Museum of Fine Arts. Pro Jahr kann jeder Arzt bis zu 50 Rezepte ausstellen, die von der Krankenkasse übernommen werden. Studien des dortigen AgeTeQ-Labors belegten: Wer auf Rezept ins Museum geht, zeigt messbar höhere Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden.

Auch in der Schweiz und in verschiedenen skandinavischen Ländern werden soziale und kulturelle Angebote als Teil psychotherapeutischer Versorgung verschrieben.

Das Konzept fand schnell weitere Anhänger. In Brüssel begann 2021 ein ähnliches Programm: Gestartet mit fünf Museen und 33 Medizinern, sind heute mehr als zehn Museen und 18 medizinische Einrichtungen beteiligt. Die Kosten für den Eintritt in die Brüsseler Museen übernimmt die Stadt. In Frankreich wird die Idee unter dem Motto „Kunst ist Gesundheit“ für Kunst- und Museumsbesuche umgesetzt.

Dr. Michael Wächter, Leiter der Studie, plädiert daher für die Option, solcherlei ins ärztliche Repertoire verschreibbarer und von der Krankenkasse übernommener Interventionen zu überführen.

An der Berliner Charité beschäftigt sich die Abteilung „Netzwerk Kunst und Medizin“ damit, wie Kunstgenuss auf Menschen wirkt und was Kultur bewirken kann. Professor Stefan Willich, Leiter des Netzwerks, will erreichen, dass Kunst therapeutisch mehr genutzt wird. Denn die Zusammenhänge seien klar: „Das fängt schon damit an, dass Musiktherapie z. B. in der Neonatologie, also auf Stationen mit frühgeborenen Babys erstaunliche Wirkung hat – und zwar harte physiologische Wirkung“, z. B. Sauerstoffsättigung im Blut, Verweildauer im Spital. Musiktherapie habe sich bei Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Beschwerden, sogar bei Demenzerkrankungen und Autismus als hilfreich erwiesen.

An der Berliner Charité widmet man sich derzeit der Frage, ob sich Kunst auf Rezept oder das Soziale Rezept als breitenanwendbare Ergänzung zu klassischen Therapien eignet. In zwei Forschungsprojekten werden Effektivität und Praktikabilität unter Leitung von Prof. W. Herrmann erforscht, auch zur Stärkung hausärztlicher Versorgung, wenn der Verdacht naheliegt, physische Symptome seien psychosomatisch. Im Projekt der Charité werden solche Menschen vom Arzt an einen „Linkworker“ vermittelt, der gemeinsam mit dem Patienten nach den richtigen sozialen Angeboten sucht. „Wir erhoffen uns, dass wir so einen Weg finden, die Versorgung der Patienten zu verbessern“, sagt Herrmann. Das wird sich aber noch im Laufe des Projekts bestätigen müssen. Hervorzuheben ist ein gemeinsames Projekt der Charité mit dem Bode-Museum Berlin: „Das heilende Museum.“ Die Mission: Es will die Achtsamkeit vor Kunstwerken steigern. Dafür steht ein eigens dafür hergerichteter Raum zur Verfügung, in dem verschiedene Meditationstraditionen präsentiert werden. Wer teilnehmen möchte, kann die Übungen per Audioguide, Smartphone oder Website abrufen. Dabei fallen Museumseintritt und ein Teilnehmerbeitrag an.

Wer auf Rezept ins Museum geht, zeigt messbar höhere Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden.

In Bremen lief in der Zeit von 2023 bis Ende 2025 ein Pilotprojekt, eingebunden in eine EU-weite Initiative zum Social Prescribing bzw. Kunst auf Rezept: Patienten können sich in etwa 70 ausgewählten Arzt- und psychotherapeutischen Praxen (dank Kooperationspartner wie der VHS Bremen) ein Kunstrezept ausstellen lassen. „Kunst“ wird weit definiert und umfasst neben Museumerleben Musik/Gesang, Improvisationstheater eine Vielfalt an kultureller Aktivität im Rahmen therapeutischer Wirksamkeit(sannahme). Bremen nimmt als einziges Bundesland an dem EU-Pilotprogramm „Arts on Prescription in the Baltic Sea Region“ teil, mit Finnland, Lettland, Litauen, Polen und Schweden. Die Auswertung war für Ende 2025 vorgesehen.

WARUM, WOZU UND WIE „KUNST AUF REZEPT“ EINBINDEN?

Arts on Prescription erweitert das mediale Repertoire, ist kombinierbar mit Comic & Co., herkömmlichen kunst-, musik- und spieltherapeutischen Facetten und bietet die Möglichkeit, psychotherapeutische Arbeit attraktiver und individuell treffsicherer zu machen. Durch das Social Prescribing angeregt, können sie über konventionelle Angebote hinausgehen im wörtlichen Sinn: in Museen, Ausstellungen, Theater-, Musikveranstaltungen.


Ein körperlich vollzogener Orts-, Szenen-, Kontextwechsel bietet innerhalb des therapeutischen Prozesses nachweislich spezifische Vorteile, die seelisch-geistige Befindlichkeit positiv zu beeinflussen. Angenehm zudem, dass insbesondere Hilfesuchende keine Vorkenntnisse benötigen, um zu profitieren. Was es im therapeutischen Experimentieren mit Kunst/Museum braucht, ist v. a. anderen eine Art lächelnde Neugier, mentale Offenheit sowie eine kompetente Begleitung von therapeutischer Seite. Therapeuten können Klienten bzw. Gruppen „hinaussenden“: mit oder ohne konkrete Aufgaben, mit oder ohne initiale Fragestellungen. Im Zentrum steht das Kunst-, Kulturerleben und der (auch selbstreflexive) Bezug auf die persönliche Situation. Therapeuten können Klienten/Gruppen begleiten oder nicht, jedenfalls mit der Gewähr, an individuell und sozial Erlebtes, Gefühltes, Gedachtes assoziativ und reflexiv anzuknüpfen. Arts on Prescription eignet sich als Initialzündung ebenso wie als stets begleitende Option, die sowohl Feedbackschleifen als auch Inspiration und Fortschritt ermöglichen.

 

Dass solcher Art Vorgehen weder trivial noch reine Unterhaltung ist, zeigen bisherige Erhebungen, sowohl im Rahmen von Forschung, Pilotprojekten als auch Praxis. An der TU Dresden belegen Forschungsergebnisse, dass sogar bei depressiven Störungen Museumsbesuch auf Rezept Linderung verschafft, in Kombination mit konventioneller Therapie. Ausstellungs-, Museumsbesuche etc., ob allein oder mit anderen, sind soziale Ereignisse, die einen therapeutisch nutzbaren gemeinsamen Fokus haben: Nichtalltägliches als Einstieg in etwas Besonderes, das Geist, Leib und Seele entführt; Kunsterleben, das in Erstaunliches einführt und Austausch über das unmittelbare Erleben hin ermöglicht. In Begleitung eines Psychotherapeuten können sich Anknüpfungspunkte ergeben, die die fachliche Begleitung um (andernfalls brachliegende) Aspekte bereichern und Betroffene persönlich berühren und öffnen.

Dr. rer. soc. M.A. phil. Regina Mahlmann
Coachin und Beraterin, Moderatorin und Trainerin, Autorin und Textcoachin Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

LITERATUR UND WEITERFÜHRENDE HINWEISE

Alexander Braun: Ich, das Tier. Vom bösen Wolf bis Donald Duck. Über anthropomorphe Tiere, Märchen und Comic. Katalogbuch

Regina Mahlmann: Therapie mit Comic & Co., Freie Psychotherapie, 02.2026

www.psychotherapeutenkammer-berlin.de/kammer-beitraege/das-heilende-museum-im-bode-museum

www.smb.museum/museen-einrichtungen/bode-museum/ausstellungen/das-heilende-museum

www.aktivieren.net/projekt-erinnerungs_reich-museen-alstherapie

www.praxis.thieme.de/de/news/gynaekologie/museumsbesucheals-kassenleistung-gegen-depression-und-stress

www.vhs-bremen.de/kunst-auf-rezept

www.weser-kurier.de/bremen/politik/warum-bremeraerzte-kunst-auf-rezept-verordnen-doc81qbtietp5g1m96oul7i

BEISPIELHAFTE ANGEBOTE

Aktuell bieten sich für Therapeuten Ausstellungen und Optionen an, die sich die Popularität von Comics zunutze machen: Ausstellung in Dortmund: „ICH, DAS TIER: Vom bösen Wolf bis Donald Duck – Tiere im Comic“. Sie wird gezeigt im Schauraum: comic & cartoon, Dortmund: 24. April bis 1. November 2026. Die Ausstellung bietet Materialien über die Gebrüder Grimm sowie über Tiere. Als Wissensgrundlage sei das dazu passende Buch von Alexander Braun empfohlen. Ausstellungen, Rundgang und Buch können für jüngere Hilfebedürftige instrumentalisiert werden, indem Tiere und durch sie verkörperte Menschen (-typen) sowie die Geschichten zu Rollen-, Imaginationsspielen oder „Was wäre, wenn (ich; Tier X) …“- Szenarien einladen. Anregend ist auch das Angebot des Bode-Museums in Berlin. Es vereinigt in verschiedenen Räumen unterschiedliche Kunstangebote mit Hinweis auf den thematischen Schwerpunkt und die Funktion, auf den Nutzen des Besuchers unter dem Titel „Achtsamkeit und Meditation im Kunstraum“ mit videogeführten Meditationen: Ankommen, Schlendern, Genaues Betrachten, Sitzmeditation, Partner-Spiel, Kindermeditation mit Erwachsenen.

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