Rezensionen
PRAXISHANDBUCH NARRATIVE TRAUMA-ARBEIT (NAT)
Dr. Maggie Schauer, Philosophin und Psychologin, entwickelte mit Thomas Elbert und Frank Neuner das Konzept der NARRATIVEN EXPOSITIONSTHERAPIE. Dieses wurde u. a. durch das Buch „Die einfachste Psychotherapie der Welt“ bekannt. Das Autorenteam passte das Konzept für Angehörige der psychosozialen (Beratungs-)Arbeit an, die keine umfassende psychologische bzw. therapeutische Ausbildung vorweisen. Diese Adaption ist ausgezeichnet gelungen, sodass ein gutes Verständnis für die präventive Arbeit mit traumatisierten Menschen entsteht und mit den vier Schritten der NAT eine praxisorientierte Handlungshilfe für die Durchführung des adaptierten Konzepts vorliegt.
Die Narrative Trauma-Arbeit (NAT) wurde als niederschwelliger Ansatz aus der Narrativen Expositionstherapie (NET) entwickelt. Sie hat zum Ziel, stressbedingten psychischen und körperlichen Erkrankungen vorzubeugen. Sie stärkt die Resilienz, indem mit gezielten Interventionen Stressreaktionen auf vergangene Erlebnisse reduziert werden. Das benötigt gut geschulte psychosoziale Helfer aus dem Gesundheits- und Sozialwesen sowie in Erziehungs-, Schul- und Heilkontexten. Es geht um Prävention von Folgekrankheiten nach einem Trauma, nicht um die Trauma-Therapie selbst (diese sollte von speziell ausgebildeten Fachkräften durchgeführt werden). Traumatisierte Menschen haben z. B. emotionalen, körperlichen oder sexualisierten Missbrauch in der Kindheit erlebt oder familiäre Gewalt erlitten. Sie kennen Armut, Kriminalität, organisierte Gewalt wie Verfolgung und Krieg, Drogenmissbrauch oder psychische Erkrankungen von Familienmitgliedern, Trennungen von wichtigen Bezugspersonen. Wissenschaftlich belegt ist, dass solche Erfahrungen möglicherweise lang anhaltende negative Auswirkungen auf die Gesundheit Betroffener haben können. Es werden dauerhaft Stressreaktionen aktiviert, und das Nervenzellen-, Stoffwechsel- und Immunsystem kann bis ins Erwachsenendasein und ins höhere Alter gestört sein. Doch nicht nur die unmittelbar betroffenen Menschen können derart dauerhaft belastet werden. Auch Kinder können das Trauma ihrer Eltern durch Erziehungsmuster, Verhaltensweisen und emotionale Reaktionen aufnehmen. Traumata werden biologisch an die nächste Generation weitergegeben, was insbesondere für Gesellschaften gilt, die wiederholt von Kriegen, Gewalt oder Ausgrenzung betroffen sind. Die Rolle der NAT-Begleitung wird als die der „Zeugnisträger und Beziehungsperson“ beschrieben. Diese Art der Arbeit bietet eine strukturierte Unterstützung, um ein unfreiwilliges Schweigen Betroffener zu beenden. Heutigen Reaktionen liegen Erfahrungen aus der Vergangenheit zugrunde, die als bedrohlich auch in der Gegenwart erlebt werden – durch Erinnerungen und den Versuch, sie in Worte zu fassen. Das eigene Gedächtnis holt situativ die (bruchstückhaften) Erinnerungen hervor, um sie einzuordnen und davon zu lernen, was die positive Sicht darauf sein kann. Belastend aber ist, dass Betroffene dadurch das Trauma nicht wirklich hinter sich lassen können, und sich im Heute davon bedroht fühlen, auch wenn die schlimmen Ereignisse längst vergangen sind. Die NAT kann Schweigen brechen, die Würde des Menschen achten und die Anerkennung erlittenen Unrechts in den Mittelpunkt von Gesprächen stellen. „Während der Erzählsitzungen machen Klienten eine wichtige, neue Erfahrung. Die einfühlsame, wertschätzende, urteilsfreie und nicht-vermeidende Präsenz der NAT-Berater erlaubt ihnen, eine korrigierende Beziehungserfahrung zu machen. Es ist unsere Aufgabe als Zeugnistragende, diese Rolle würdig anzunehmen“. Die vier Schritte der NAT bestehen aus dem Screening-Interview mit Auswertung und dem Angebot gestufter Hilfen (1), aus dem Checklisten-Interview (2), aus dem Legen der Lebenslinie (3) und aus einer bis ca. 12 Erzählsitzungen (4). Das Ziel der strukturierten Erzählgespräche, die an der eigenen Biografie entlangführen ist, negative Erlebnisse zu verarbeiten und in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Zweitens auch positive Erfahrungen wiederzuentdecken und als Ressourcen zu verankern. Das Trauma wird damit nicht länger isoliert, sondern als Teil eines größeren Kontextes wahrgenommen.
Der Ablauf einer Erzählsitzung ist immer gleich. Zu Beginn wird besprochen, wie die Zeit seit dem letzten Gespräch verlaufen ist, und die Themen werden bis zum Ende der Sitzung notiert. Das Narrativ der letzten Sitzung wird wieder vorgelesen. Bei Bedarf erfolgt eine kurze Psychoedukation und Erforschung des neuen Symbols auf der Lebenslinie, um den nächsten Schritt zu vollziehen: das ausführliche Durcharbeiten des nächsten, bedeutenden Lebensereignisses. Das Ende der Sitzung besteht in einer kurzen Nachbesprechung, im Zusammenfassen der neu gewonnenen Erkenntnisse, im Gespräch über die zu Beginn der Sitzung notierten Themen und in der
Verabschiedung.
Wer für sich NAT-Beratung entwickeln möchte, gibt viel von der eigenen Kraft in diesen Prozess. Deshalb ist es von großer Bedeutung, eine gute Selbstfürsorge und Psychohygiene zu pflegen und sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu sein. Eine professionelle Begleitung in Form einer Intervention und Supervision ist für diese Arbeit unverzichtbar, um selbst eine gute psychische und mentale Stabilität vorzuweisen, mit der man dem Gegenüber ruhig, präsent und verlässlich begegnet.
Sich der eigenen Rolle bewusst zu sein, ist in dieser Arbeit wichtig, denn traumatisierte Menschen „scannen“ die Verfügbarkeit, emotionale Stabilität, Stimmungen und nonverbalen Signale anderer Personen genau. Konkrete Hilfestellungen für die Praxis lauten: Eigene Traumata erkennen und professionell aufarbeiten, Arbeitsumfang bewusst begrenzen, Selbstentlastung durch Schreiben (therapeutische Wirkung von Dokumentation), kollegiale Reflexion und Unterstützung suchen.
Fazit: In diesem empfehlenswerten Buch sind viele anschauliche Beispiele aus der Praxis enthalten. Die Strukturierung und der Beratungsprozess werden nachvollziehbar und direkt in die Praxis umsetzbar verdeutlicht. Vincent J. Felitti meint, dass ein erfolgreicher Ansatz zur Bewältigung früherer Traumata vergleichbar mit einem bahnbrechenden Impfstoff sein kann.
Elisabeth Kaiser/Katalin Dohrmann/Brigitte Rockstroh/Maggie Schauer/Thomas Elbert Beltz Juventa Verlag, 2025 Rezension: Anja Mannhard Geprüfte Personalfachkauffrau (IHK), Erzieherin, Lehrlogopädin, Autorin und Künstlerin
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