Honorarkürzungen bei kassenfinanzierten Psychotherapien
WAS BEDEUTET DAS FÜR FREIE PSYCHOTHERAPEUTEN UND HEILPRAKTIKER FÜR PSYCHOTHERAPIE?
Angesichts der weiter wachsenden Defizite im Gesundheitswesen muss gespart werden. Unter anderem sollen die Honorare für die ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten um 5% niedriger ausfallen. Konkret heißt das seit dem 1. April dieses Jahres: Statt 120 Euro pro Sitzung gibt es künftig noch 114,54 Euro. Beschlossen hat das der „Erweiterte Bewertungsausschuss“, der dann zusammenkommt, wenn sich Kassen und Kassenärztliche Vereinigung nicht einigen können. Der Beschluss sorgt für massive Proteste. Die Kürzung betreffe ausgerechnet einen Bereich, der ohnehin unterversorgt sei: Im Schnitt müssen Betroffene drei bis fünf Monate auf eine Therapie warten – Kinder oft noch länger. Und Psychotherapeuten seien, so die Bundespsychotherapeutenkammer, ohnehin die vertragsärztliche Gruppe mit den niedrigsten Honoraren.
Die Kürzung werde dazu führen, dass niedergelassene Psychotherapeuten vermehrt Privatpatienten behandeln, denn das ist für sie wirtschaftlich attraktiver als die Behandlung von Kassenpatienten. Damit dürfte sich, so die Kritiker des Kassenbeschlusses, die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland weiter verschlechtern: Wer es sich leisten kann, bekommt zeitnah eine Therapie, wer „nur“ Kassenpatient ist – und das ist längst teuer genug – muss künftig noch länger auf eine Behandlung warten.
Kritisiert wird darüber hinaus, dass die Honorarkürzung bei den ambulanten Therapien gerade den Bereich treffe, in dem mit dem geringsten finanziellen Aufwand die größten Erfolge erzielt würden: Laut Techniker Krankenkasse (TK) dauert ein psychisch bedingter Krankenhausaufenthalt in Deutschland im Schnitt 24 Tage und kostet zwischen 8000 und 12000 Euro. Eine auf 60 Stunden veranschlagte Verhaltenstherapie belastet die Kassen dagegen mit lediglich 7200 Euro. Laut TK bedeutet aber jeder in eine ambulante Therapie investierte Euro einen Rückfluss von gut drei Euro, weil der Wirtschaft weniger Produktivstunden verloren gehen, weniger Menschen in der Klinik behandelt werden müssen und die Betroffenen seltener vorzeitig in Rente gehen. Angesichts des Umstands, dass psychische Erkrankungen laut DAK inzwischen jährliche Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe verursachen und Depressionen in 2024 doppelt so viele Fehltage verursachten wie im Jahr zuvor, lässt sich die (volkswirtschaftliche) Bedeutung eines ausreichenden ambulanten Therapieangebots recht gut einschätzen.
Die beschlossene Honorarkürzung dürfte aber aus den genannten Gründen eher den gegenteiligen Effekt haben, befürchten Kritiker: Der Beschluss werde volkswirtschaftlich deutlich mehr Schaden anrichten, als vordergründig im Gesundheitswesen gespart werden kann.
Heilpraktiker für Psychotherapie und freie Psychotherapeuten arbeiten unabhängig von Finanzierungszusagen der Krankenkassen. Mancher glaubt nun an eine große Chance für diese Berufsgruppen – zumal das empirische Gutachten der Bundesregierung den Heilpraktikern für Psychotherapie jüngst ein gutes Zeugnis ausstellte. Doch Dr. Werner Weishaupt, Präsident des VFP, ist da, gelinde gesagt, vorsichtig: „Zwar dürfte diese letztlich ja politische Entscheidung in der Tat dazu führen, dass sich noch mehr Menschen auf der Suche nach schneller, effektiver Unterstützung an uns wenden. Gleichzeitig befürchte ich aber neue Kampagnen gegen unseren Berufsstand“, sagt der Präsident, den nach mehr als 20 Jahren im Amt kaum noch etwas überraschen kann.
„Die Argumentation unserer Gegner dürfte schlicht sein, dass sich durch die beschlossene Honorarkürzung bei den niedergelassenen Kollegen der Trend zur Zweiklassenmedizin verstärkt und viele Menschen, die nicht länger auf eine Therapie bei ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten warten können, nun in die Arme der chronisch inkompetenten, wenn nicht gemeingefährlichen Therapeuten getrieben werden“, glaubt der Präsident des mit Abstand größten Berufsverbandes freier Psychotherapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie. Zahlreiche Gespräche mit der Politik hätten ergeben, dass Bundespolitiker, die den Heilpraktikern für Psychotherapie klar positiv gegenüberstehen, in der gegenwärtigen Situation kaum eine Chance dafür sehen, eine breit angelegte Kampagne zugunsten einer stärkeren offiziellen Einbindung dieser Berufsgruppe ins Gesundheitssystem zu unterstützen. Daran werde auch das Empirische Gutachten nichts ändern, so Dr. Weishaupt: „Das Gutachten stärkt unsere Position, das ist klar. Aber wenn die Bundesregierung einerseits den Rotstift ansetzt, kann sie nicht andererseits das Loblied auf die freien Psychotherapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie anstimmen, so sinnvoll das sachlich und fachlich auch wäre. Ein solches Vorgehen ist angesichts massiver Lobbyarbeit einschlägiger Interessengruppen schwierig zu vertreten.“ Das bedeute aber nicht, dass sich die sektoralen Heilpraktiker unauffällig ins stille Kämmerlein zurückziehen müssten; im Gegenteil: „Wir haben keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen“, betont der Präsident des VFP. „Die Zahl unserer Patienten steigt stetig und das liegt eben nicht allein an der angespannten Versorgungslage auf dem Gebiet der kassenfinanzierten Psychotherapie, sondern v. a. an der Qualität unserer Arbeit und den vergleichbar geringen Kosten für die Patienten.“
Als Beispiel verweist Dr. Weishaupt auf das Kalkulationsmodell der Techniker-Krankenkasse: Eine 60 Stunden umfassende Verhaltenstherapie, die noch dazu mit 7200 Euro zu Buche schlage, sei bei Heilpraktikern für Psychotherapie „sicher nicht die Regel“. Ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, kurze Wartezeiten bis zum Beginn einer Therapie und die gerade durch die therapeutische Methodenvielfalt bedingte ausgewiesen hohe Patientenzufriedenheit sprächen für die Heilpraktiker für Psychotherapie, und auf diese Vorteile könne und solle man aufmerksam machen. Zudem, so führt er weiter aus, brauche niemand Angst zu haben: „Gerade angesichts leerer Kassen wissen immer mehr Fachpolitiker, was sie an uns haben. Unsere Gegner werden uns zwar mit den immer gleichen Argumenten das Leben schwer machen wollen. Wir aber werden, wenn sich die Aufregung gelegt hat, davon unbeeindruckt konstruktiv mit der Politik an einem soliden Zukunftsmodell für unseren Beruf weiterarbeiten. Bis dahin können sich die Patienten auf uns verlassen.“

Jens Heckmann
Redakteur, Experte für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing
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