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Der Rythmus der Regulation - Teil 2

„Neurogenes Zittern“ ist eine körperorientierte Methode, bei der unwillkürliche Muskelzuckungen genutzt werden, um Stress und tiefe Anspannung im Nervensystem zu lösen. In der Therapie stärkt sie die Selbstregulation und schafft mehr innere Sicherheit als Basis für soziale Verbundenheit.

Können die Erfahrungen nach Ende der belastenden Situation oder in der Folgezeit nicht durch Beruhigungsmechanismen (Bindungsverhalten, Selbstberührung, Kangarooing, Haut-zu-Haut-Kontakt nach der Geburt, Berührung, Atmung, Töne, neurogenes Zittern usw.) integriert werden, ist eine pathologische Folgewirkung nicht auszuschließen. Aus Erfahrungen von Einsamkeit oder ohnmächtiger Verlassenheit entsteht tief verankerte akute Angst, die von Medikation wenig beeindruckt bleiben kann.


Eine frühe Bedrohung der Integrität ist strukturbildend, kann Entwicklung verformen und Wachstum hemmen. Das Wesenhafte des Kindes wird veranlasst, sich tief verbergend und scheu abzukapseln. Belastende Entwicklungsbedingungen können „innen“ verbunden sein, mit Verharren in „tonlosem Schrei“, „stiller Wut“, „versteckter Angst“, „überangepasstem Fawning“ und Werten, die Konsumverhalten, Intellektualität, Religiosität, Schönheitsstreben, sportliche Leistungen usw. überbetonen. Früh verdrängter, sich summierter innerer „Ballast“ kann spätere „triebhafte“ Befriedigung von Ersatzbedürfnissen auslösen.

Nach frühen Traumatisierungen kann sich im Außen ein „Funktionsmodus“ entwickeln, der im Alltag zu Höchstleistungen befähigt oder sich immer weiter in sich selbst und die eigenen Besonderheiten „verstrickt“. Dies kann über einen darunter liegenden chronisch dissoziierten Zustand hinwegtäuschen, der bereits pränatalen Ursprung haben kann. Mit zunehmendem „Trauma-Pegel“ wächst – auch wenn die Gefahren längst vorbei sind – ein komplexes, doch zunächst durch bestimmte Trigger, reizabhängig aktivierbares Potenzial verdrängter Trauma-Gefühle, wie Angst, Wut, Trauer usw. Später auftretender generalisierter Schmerz oder andere generalisierte Gefühle, wie Angst, zeigen im klinischen Alltag, dass selbst neutrales Erleben überproportionale angstbesetzte oder zwanghafte oder wütende Reaktionen hervorrufen kann. Die tatsächlichen Auslöser können nicht in Begriffe gefasst werden.

Erfahrungsbasiert zeigt sich, dass bei widrigen Umständen im Leben sogar bedrängende Gedanken an Tod oder Suizid auftauchen können, wenn ein Kind z. B. bei der Geburt eine Nahtodsituation überlebte. Bei den Betroffenen kann der verzweifelte Eindruck entstehen, dass es kein Entrinnen aus den erlebten Situationen geben kann.

TRAUMATISCHE ERFAHRUNGEN

Wie ausgeführt, gelten traumatische Erfahrungen als bio-psycho-soziale Geschehnisse, die auf Körperebene unmittelbar neurobiologische Rückkoppelungsschleifen aktivieren. Das ANS ist eines der wesentlichen Urkräfte des Menschen, die ihm im Laufe der Evolution als Motor zum Da-bleiben-Können geschenkt wurden. Diese Kraft ist schnell und präzise in der Wahrnehmung und stärker als der eigene Wille oder als jedes antrainierte Verhalten. Der kollektive Mangel an Sicherheit mit Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse, z. B. während der Pandemiezeit, bewirkte bei Menschen unterschiedlichen Alters aufgrund ganz unterschiedlicher Eindrücke unerkannte Traumatisierungen. Sie wirkten auf das ANS wie ein Disruptor und aktivierten bei Groß und Klein die (Notfall)-Modi des ANS (Kampf und Flucht oder Erstarrung/Dissoziation); bei Fortbestehen dieser Defensivstrategien werden das Immunsystem und die Resilienzfaktoren geschwächt, wodurch vielfältige Symptome ausgelöst werden können.

Bei länger anhaltenden Überforderungszuständen kann sich im Menschen aufgrund der körperlichen Adrenalin-Reaktion ein „Übererregungs-Kontinuum“ (Alarmzustand mit Wachsamkeit, Überempfindlichkeit, Überaktivität, Impulsivität) als auch – aufgrund der stattfindenden Opioid-Reaktion – ein „Dissoziatives Kontinuum“ (mit Gefühllosigkeit, Distanziertheit, sozialem Rückzug, Müdigkeit oder kognitiven Verarbeitungsstörungen) ausbilden. Beide Zustände können gleichzeitig auf das ANS einwirken oder die autonomen körperlichen Reaktionen der Betroffenen können in kurzen Abständen zwischen den Zuständen hin und her pendeln. Diese Folgen der posttraumatischen Stimmungsschwankungen aufgrund ungleichgewichtiger chemischer Körperreaktionen 

traumatisierter Menschen sind zu unterscheiden von einer „manisch-depressiven Störung“ bzw. „bipolaren Störung“ oder von einem „Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“ nach ICD bzw. DSM.

Wenn es an therapeutischer Begleitung fehlt, wird der Defensivzustand dauerhaft aufrechterhalten, es sei denn, das Organismussystem findet eine Möglichkeit, das auslösende Ereignis mithilfe des natürlichen entspannenden Selbstheilungsmodus des Körpers (ventraler Vaguskomplex) autonom zu entladen/zu balancieren.

DIE GUTE NACHRICHT

Bei all den ungünstigen Ausgangssituationen für erreichbare Hilfen und Therapie nach traumatischen Erfahrungen gibt es gut verfügbare und erprobte Möglichkeiten, Menschen wieder stärker ein Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit zu vermitteln. Wesentliche Grundlagen für die Gesundheit können bereits dadurch geweckt werden, dass man den Menschen und ihren Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenkt und sie ernst nimmt. Und dadurch, dass dieses präsente „Zuhören“ sie ganz persönlich meint. Anstatt auf das Chaos drumherum zu reagieren, kann es wieder öfter möglich werden, dass sich die Menschen mehr mit ihrer inneren Kohärenz und Resilienz verbinden können; sich an das erinnern, was sie sind, außerhalb der induzierten Symptome.

Das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit kann die natürlichen Reaktionen des ventralen Vaguskomplexes/VVC abholen: Qualifizierte Begleiter können zu sehr wirksamen balancierenden Übungen einladen. Dann kann wieder mehr Entspannung einkehren. Betroffene aller Alters- oder Bildungsgruppen und unabhängig von Sprachkompetenz oder Herkunft können dabei – ohne Anamnese und Pathologisierung – Unterstützung erhalten, um ihre Herausforderungen akut besser bewältigen zu können. So können sie sich auf unkomplizierte und niederschwellige Weise aus Stress- und Erstarrungszuständen herausentwickeln. Belastende innere Haltungen von „Ich kann nicht mehr“ und „Ich muss“

können verändert werden in ein „Ich kann“, sobald sich wieder die positive Perspektive von Sicherheit und Verbundenheit einstellen kann.

Der parasympathische ventrale Vaguskomplex ermöglicht dann wieder eine stärkere Ausschüttung von Serotonin, Dopamin und Oxytocin. Die Spirale zur Lebensorientierung kann sich neu zum Gesunden hin ausrichten und der Blick kann sich zu bisher nicht gesehenen Möglichkeiten der Lebensgestaltung öffnen. Bisher „destruktive Echokammern“ könnten sich multiplizierend umbilden zu einem exponentiell wachsenden Feld der Kohärenz mit Resilienz. Zur Lösung alter Verspannungen bzw. Erstarrungen ab der Frühen Zeit oder nach akutem Trauma-Erleben wurden von David Berceli bereits 2008 einfache „Loslass-Übungen“ mit breitem Indikationsfeld entwickelt und publiziert, die sichere energetische ANS-Co-Regulation – auch außerhalb oder neben eines streng therapeutischen Settings – erlebbar machen; sie können das Gefühl von Sicherheit – ohne lange Wartezeiten – wiederherstellen und das System sozialer Verbundenheit des VVC stärken.

Eine bedeutungsvolle Information (Übungssequenz) sucht die zu ihr passenden neuronalen Verarbeitungsareale. Die „interne Steuerung“ im Menschen erfolgt weitgehend unbewusst aufgrund des autonomen Abgleichs der Bottom-up-Verarbeitung der Reize aus den Sinnesorganen mit der von der Bedeutung der Information abhängigen Top-down-Verarbeitung im Stammhirn. Die angeborene ununterbrochene „360°-Radar-Reaktion“ des ANS vollzieht sich unabhängig vom Bewusstsein.

DAS NEUROGENE ZITTERN

Berceli hat seine Methode „Neurogenes Zittern“ (Tension and Trauma Releasing Exercises, „TRE“) während seines Lebens in Kriegsgebieten des Mittleren Ostens und in Afrika entwickelt. Damit eröffnete er auch ein neues Paradigma für eine kulturunabhängige, unmittelbar wirksame Behandlung von langfristig/inter- oder transgenerational wirkender bzw. akuter sekundärer („ansteckender“) Massentraumatisierung großer Bevölkerungsgruppen, z. B. nach Katastrophen, globaler Gewalt, Flucht, epidemischen Extrembelastungen. Dabei hat Berceli die Erkenntnisse der Psychotrauma-Forschung mit dem Wissen über psychische Zustände, körperliche Symptome und die instinktiv reagierenden neuro-anatomischen Netzwerke ab der vorgeburtlichen Zeit verbunden.

Er hat herausgearbeitet, dass die ggf. bisher nicht abgeschlossene/unterbliebene natürliche Stressregulation auch nach langer Zeit noch von außen aktiviert werden kann.

Auf der Basis einer sicheren Bindung in der Umwelt und im begleitenden Prozess entsteht die Möglichkeit, Innenraum zu öffnen, in dem sich z. B. seit Lebensbeginn gespeicherte Emotionen/Spannungen gleichzeitig mit einfachen körperlichen Bewegungsabläufen ohne Worte, strukturiert und autonom regulieren. So werden Veränderungen sanft angestoßen und fassbar gemacht oder auch präventiv begleitet. Und selbstverständlich können die Themen, wenn die Zeit da ist, in psychotherapeutischen Prozessen nachbearbeitet werden.

Die spezifische und sichere Übungssequenz („TRE“) ist von Spezialisten leicht zu vermitteln und zu begleiten. Mithilfe der gut erforschten und bewährten Übungen können sich die in den Körpergeweben unverarbeitet gespeicherten Muster instinktiver Abwehrmechanismen des ANS (z. B. ausgedrückt in Schmerzen, Ängsten, Aufregungen usw.) durch ein impulsives und gleichzeitig kontrollierbares und begleitetes unwillkürliches Zittern oder Vibrieren als sichere energetische Co-Regulation „abschütteln“. Absichtsloses achtsames Atmen und Selbstberührung können den Prozess begleiten, unterstützen oder abschwächen. Das „Neurogene Zittern“ ist ein Zeichen, dass jetzt körper-psychische Selbstregulation geschieht, Entspannung einsetzt und das Gefühl von Sicherheit zunimmt. Dies kann in Form von innerem Kribbeln bis zu äußeren schwingenden Bewegungen auftreten. Dazu braucht es weder kognitive Zugänge noch medikamentöse Unterstützung oder elektronische Reizerzeuger.


Die Durchführung der Übungen beansprucht relativ wenig Zeit und kann in vielfältige Kontexte eingebaut werden. Nach vorbereitender Einführung können die Übungen auch präventiv in eigenständigen Routinen im Alltag praktiziert werden.

Aufgrund der in Teil 1 erklärten „Alarmstufe Rot“ bei Kindern könnte es für die kleinen und großen Menschen segensreich sein, wenn sie an der entspannenden Wirkung von „TRE“ partizipieren können. Auch wenn belastende Imprints lange als Körperreaktionen, physiologische oder emotionale „Eigenheiten“ wie eingebrannt sind, können sie begleitet und bedarfsorientiert verändert werden. Veränderung braucht Sicherheit und Verbundenheit. Dann wird sich der Körper selbst zum Gesunden hin organisieren, ohne Reparatur, hartes Training oder Druck. In der Hoffnung auf viele positive multiplizierende Kommunikationseffekte sei darauf hingewiesen, dass die Übungen stressreduzierend nach den genannten kollektiven traumatischen Belastungen oder zur Prophylaxe auch in Gruppen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen „mitmachbar“ ermöglicht oder durchgeführt werden können, z. B. in Kindergärten, im Sportunterricht oder in Sportvereinen, in betrieblichen Gesundheitsprogrammen oder in Volkshochschulen niederschwellig und ausgleichend oder auch gemeinschaftsbildend in Parks (umsonst und draußen) usw. Die Übungen könnten sich auch in Seniorenresidenzen – nach alten und neuen belastenden Erfahrungen – als ein heilsames sinnstiftendes Bewegungsangebot etablieren.

Angeboten werden könnten sie auch zur Psychohygiene nach Rettungseinsätzen von Helfern unterschiedlicher Profession usw.

Insofern möchte ich aus dem gegebenen Anlass, trotz hohem Bekanntheitsgrad von Bercelis Arbeit, zum aktuellen Weitersagen der Möglichkeiten dieser ausgleichenden Übungssequenz (Tension and Trauma Releasing Exercises, „TRE“) nach belastenden Erfahrungen oder zum prophylaktischen Umgang mit alltäglichen Herausforderungen inspirieren.

Gabriele Hoppe Europäische Therapeutin für Psychotherapie (ECP), Heilpraktikerin für Psychotherapie, MBA, Privatpraxis für systemische, tiefenpsychologische und pränatale Psychotherapie
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Literatur
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