Psychische Erkrankungen in der Belegschaft - Schicksal für Betroffene und Unternehmer?
Die Zahl der psychisch bedingten Fehlzeiten steigt weiter. Ist dies ein Risikofaktor für die Wirtschaft? Seit Jahren versucht die jeweilige Bundesregierung, die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland zu verbessern. Der Erfolg ist überschaubar – psychische Erkrankungen nehmen weiter zu.
Von der Situation der Betroffenen ganz abgesehen, belastet diese Entwicklung nicht nur die Kassen des Gesundheitswesens. Für die ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft sind die Folgen psychisch bedingter Fehlzeiten ein Risikofaktor geworden. Gleichzeitig dürfte ein psychisch belasteter oder gar erkrankter Mitarbeitender wenig Interesse haben, länger als unbedingt nötig zu arbeiten – auch das schwächt die Unternehmen, die Wirtschaft insgesamt und die Sozialkassen. Einige Zahlen verdeutlichen das (volkswirtschaftliche) Problem: Seit 2012 ist die Menge aller psychisch bedingten Fehltage um 48% gestiegen – auf mittlerweile 342 je 100 Mitarbeitende. Gleichzeitig bedeuten Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen überdurchschnittlich lange Fehlzeiten.
Während ein grippaler Infekt zu durchschnittlich 6 Fehltagen führt, sind es bei Muskel- oder Skelettschäden („Volkskrankheit Rücken“) 18 Tage. Psychische Erkrankungen toppen beide Werte noch einmal deutlich – wer mit dieser Diagnose ausfällt, fehlt im Schnitt 28,5 Tage im Betrieb.
Verbunden mit der ausgesprochen hohen und tendenziell weiter steigenden Häufigkeit psychisch bedingter Fehlzeiten lässt sich erahnen, welche monetären Auswirkungen diese Entwicklung hat – 2021 wurden allein die psychisch bedingten Produktionsausfälle auf rund 43 Milliarden Euro geschätzt. Rechnet man Behandlungs- und Verwaltungskosten hinzu, kam die Bundesregierung bereits 2001 auf 100 Milliarden Euro – diese Zahl dürfte inzwischen noch sehr viel höher liegen. Und schließlich – wer aufgrund einer psychischen Einschränkung oder Krankheit einmal aus dem Arbeitsleben ausgeschieden ist, wird es schwer haben, zurückzukommen, was wiederum den Fachkräftemangel verschärft.
Was können Unternehmer, Geschäftsführer und das Management tun? Für ein wertschätzendes, faires, offenes Betriebsklima sorgen, für eine Führungskultur, die die Mitarbeitenden motiviert und Mobbing repressiv begegnet. Das ist allgemein akzeptiert. Wie das gelingen kann, wissen u. a. Coaches, und es gibt die Angebote betrieblicher Supervisionen und eine schier unüberschaubare Vielzahl von Ratgebern in Buchform und digital.
Allerdings fokussieren all diese Ansätze vor allem auf das Problem bzw. seine Vermeidung: Die Mitarbeitenden sollen nicht krank werden. Natürlich sollen sie das nicht. Aber was, wenn doch? Schließlich hat längst nicht jede psychische Erkrankung ihre Ursache im Betrieb. Und entsprechend kann auch der einfühlsamste Chef unter Umständen nicht vermeiden, dass Mitarbeitende unter psychischen Problemen leiden oder gar krank werden.
Der Psychologische Berater und Coach Daniel Elger de Castro Luis weitet den Blick auf das Thema: Ein Mensch mit einer psychischen Einschränkung stellt nicht zwingend und ausschließlich eine betriebswirtschaftliche Belastung dar. Im Gegenteil gehen psychische Erkrankungen häufig mit quasi „geschärften“ Fähigkeiten in bestimmten Bereichen einher, die unternehmerisch durchaus interessant sind – wenn man sie kennt, erkennt und diese Kompetenzen bei der Einsatzplanung berücksichtigt.
Was zunächst zynisch klingen mag, hat mit Rücksichtslosigkeit und Ausbeutung nichts zu tun – im Gegenteil. Nicht umsonst hat de Castro Luis sein neuestes Buch „Liebe als Führungskompetenz“ benannt. Darin wirbt der Autor – trotz des irritierenden Titels – nicht für Gruppenkuscheln, sondern für die Chancen, die sich für das Unternehmen ergeben, wenn Vorgesetzte ihren Mitarbeitenden zugewandt und mit ehrlichem Interesse begegnen.
Selbstverständlich sollte im Betrieb ein Klima herrschen, dass die Entstehung psychischer Störungen bei den Mitarbeitenden möglichst verhindert. Wenn sich bei einem Teammitglied aber eine solche Störung entwickelt (hat), ist es hilfreich, wenn das Management zumindest über eine grobe Vorstellung von Hintergründen und Zusammenhängen der Erkrankung verfügt. Dazu umreißt de Castro Luis kurz und gut verständlich diverse Krankheitsbilder – von der Anpassungs- über die narzisstische Persönlichkeitsbis zur Zwangsstörung. Vor allem aber zeigt er auf, welche Stärken Menschen mit einer bestimmten
Psychische Erkrankungen bedeuten überdurchschnittliche Fehlzeiten.
psychischen Einschränkung haben können, wie man als Vorgesetzter am besten mit diesen Menschen umgeht und was man im (nicht nur betrieblichen) Umgang möglichst vermeiden sollte.
Heilpraktiker für Psychotherapie sind mit den verschiedenen Störungsbildern und den mit ihnen einhergehenden Einschränkungen, Stärken und Schwächen vertraut; dass aber z. B. die hohe Empathie und Kreativität etwa eines Borderline-Patienten sogar einen Gewinn für ein Unternehmen bedeuten können, ist sicher auch für sie ein bislang ungewöhnlicher Ansatz. De Castro Luis sieht psychisch belastete Menschen nicht allein als Patienten, sondern als weiterhin wichtige Teammitglieder im Betrieb. Wenn das, dank einfühlsamen und entsprechend vorgebildeten Vorgesetzten gelingt, stärkt es zugleich die emotionale Situation der Betreffenden.
Dabei geht es dem Autor ausdrücklich nicht darum, aus Unternehmern Nachwuchs-Therapeuten zu machen: Diagnosen und Therapien gehören in die Hände von Fachleuten. Aber ein Grundwissen über psychische Zusammenhänge kann helfen, Menschen mit entsprechenden Einschränkungen im Unternehmen zu halten, auch wenn die Therapie sich hinzieht oder noch gar nicht begonnen hat.
Auch für Coaches, Psychologische Berater und Heilpraktiker für Psychotherapie ist de Castro Luis‘ Ansatz sicher interessant; vor allem, wenn zu ihren Klienten Führungskräfte gehören oder betriebliche Supervisionen angeboten werden.

Daniel Elger de Castro Luis: Liebe als Führungskompetenz. Elger Publishing

Jens Heckmann
Redakteur, Experte für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing