Musiktherapie zwischen Klischee und wissenschaftliche Disziplin
Musiktherapie – ist das nur sanfte Hintergrundmusik oder ernstzunehmende Behandlung? Hinter der vermeintlichen Wohlfühlpraxis verbirgt sich ein klar definiertes therapeutisches Verfahren. Dieser Artikel beleuchtet, was Musik im klinischen Kontext leisten kann.
Seit 2013 arbeite ich als Musiktherapeutin mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt in klinischem Kontext und in freier Praxis. Wenn ich Klienten im Erstkontakt treffe, erfrage ich meistens, welche Vorstellungen sie mit der Musiktherapie verbinden. „Musik ist immer gut.“ „Ich möchte mal entspannen.“ „Ich wollte schon immer das Instrument X lernen.“ „Ich hatte die Wahl zwischen Kunst- und Musiktherapie, da schien mir Musiktherapie das kleinere Übel.“ „Ich spiele Instrument Y.“ „Ich singe gerne.“ „Ich denke, wir hören Musik.“ „Ich habe Bühnenerfahrung und möchte wieder anknüpfen.“ Diese Antworten u. Ä. bekomme ich auf meine Frage. Womit also genau haben wir es zu tun, wo sind die Abgrenzungen zwischen pädagogischen, lehrenden oder therapeutischen Ansätzen? Wo findet Musiktherapie Einsatz? Unter welchen Rahmenbedingungen findet sich der Beruf? MUSIKTHERAPIE – WAS IST DAS?
„Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Musiktherapie ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere Medizin, Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik.“ (Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft, DMtG).
Sehr vereinfacht gesagt, versteht sich die Musiktherapie heute als psychotherapeutische Methode mit dem Medium Musik, die auf den bekannten Psychotherapieverfahren (z. B. Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, systemische Therapie usw.) fußt. Daneben bestehen weitere musiktherapeutische Ansätze, die sich mit speziellen medizinischen Fächern verbinden, z. B. in der neurologischen Rehabilitation, für Menschen mit Tinnitus und Hyperakusis u. Ä. Musiktherapie zählt neben Kunst-, Poesie-, Tanz- und Theatertherapie zu den Künstlerischen Therapien.
WIE FUNKTIONIERT DIE THERAPIE?
Musiktherapie findet im Gruppen- oder Einzelsetting statt. Die Methoden werden in den Kategorien aktiv (alles, an dem Klienten klanglich selbst beteiligt sind) oder rezeptiv (Klienten hören Musik live oder von Tonträgern und nehmen die Wirkung des Gehörten wahr) angewandt.
Eine bedeutsame Methode aktiver Musiktherapie ist die freie Improvisation. Im Gegensatz zu lehrenden und pädagogischen Ansätzen richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Prozess des Gestaltens, nicht auf das Ergebnis der Musik. Im intuitiven Spiel bildet sich rasch die Lebenswirklichkeit von Klienten musikalisch ab, wodurch sich interessante diagnostische Einblicke eröffnen. Schnell offenbart die Musik die persönlichen Themen. Die Wahl des Instrumentes, die Spielweise, die Art des klanglichen Bezuges untereinander, auftauchende Hemmungen, das Erkennen von
Eine musiktherapeutische Methode ist die freie Improvisation.
Spielräumen, Anpassungs- oder Abgrenzungsimpulse u. v. m. bilden die inneren Strukturen im musikalischen Außen ab. Hier werden sie sicht- und erfahrbar, dann, im weiteren therapeutischen Prozess, gestaltbar und veränderbar. Die sich ergebenden Inszenierungen können zum Verstehen des Vorhandenen begriffen, zum Probehandeln genutzt werden oder als Übungsraum für alternatives Verhalten dienen. Das eigene Verhalten bildet Resonanzen in den Mitspielern. In der Interaktion zeigen sich Beziehungsstrukturen. Falls Sprache zur Verfügung steht, werden die Spielrunden jeweils reflektiert und mentalisiert. Menschen ohne Sprache bietet die Musik eine Alternative im Selbstausdruck und zur Kontaktgestaltung.
FÜR WEN IST SIE GEEIGNET?
Das Therapieverfahren richtet sich an alle hilfesuchenden Klienten, die bereit sind, sich im Rahmen einer therapeutischen Beziehung und eines Behandlungsprozesses auf die Methoden einzulassen. Die Musik als solche ist hierbei nicht Zielsetzung, sondern Mittel zum Zweck. Es ist Aufgabe der Musiktherapeuten, mögliche Kontraindikationen zu berücksichtigen sowie das den individuellen Möglichkeiten und dem Krankheitsbild geschuldete Setting zu wählen. Musiktherapie ist gleichermaßen für Erwachsene und Kinder/Jugendliche an vielen psychosomatischen und psychiatrischen Krankenhäusern, in forensischen Einrichtungen, auf onkologischen Stationen, in der Neonatologie, Geriatrie, in Schmerzkliniken, in Häusern der neurologischen Rehabilitation, in Traumafachkliniken und in heilpädagogischen Einrichtungen zu finden. Ein besonderes Angebot macht sie Menschen

mit Autismus-Spektrum-Störung und Tinnitus. Auch Musikschulen greifen Musiktherapie zunehmend auf und schaffen ein Angebot zur Chancengleichheit, Teilhabe und Zugangsoffenheit. Ambulant bieten Musiktherapiepraxen ihre Leistungen an.
FINANZIERUNGSGRUNDLAGEN
Im klinischen Kontext erfolgt die Abrechnung musiktherapeutischer Behandlung im Rahmen des PEPP-Entgeltsystems (Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik). Im ambulanten Bereich kommen fallbezogen Finanzierungsoptionen aus dem Bundesteilhabegesetz, bei passenden Verträgen von privaten Versicherern, aus Elternbeiträgen und kommunalen Zuschüssen (Musikschulen) oder Spendenmitteln infrage. Überwiegend wird ambulante Musiktherapie jedoch selbstzahlenden Klienten möglich werden.
ALLES DARF SEIN
Eine musikalische Vorbildung der Klienten ist nicht erforderlich. Fern von klassischem Musikunterricht, der Vorgaben, Korrekturen, Leistungsbewertungen und Selbstpräsentationen einschließt, bringen wir Instrumentarien aller Art, die Stimme, den Körper, Alltagsgegenstände … zum Klingen und treten hierüber in Kontakt und Beziehung. Geräusch, Klang, Stille, Rhythmus, Melodie, Symbolik … alles darf sein. BERUFLICHE SITUATION/AUSBILDUNG
Selbstständig tätige Musiktherapeuten unterliegen dem Heilpraktikergesetz (beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie). Im Gegensatz zu manchen unserer europäischen Nachbarländer können wir in Deutschland noch nicht auf ein staatlich geregeltes Berufsrecht für Musiktherapeuten zurückgreifen. Entsprechend gibt es keine Möglichkeit, mit den gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen. Aus Gründen der Patientensicherheit und im Sinne der Professionalisierung des Berufsstandes hat die DMtG zur Qualitätssicherung ein Zertifizierungsverfahren etabliert. Das Prädikat „zertifizierte Musiktherapeutin/zertifizierter Musiktherapeut DMtG“ erhält, wer ein anerkanntes Ausbildungsverfahren durchlaufen hat (an Hochschulen angegliederte Studiengänge mit Bachelor- oder Masterabschluss im Umfang von durchschnittlich drei Jahren, einige privatrechtliche Ausbildungen mit Abschlüssen auf Bachelor-Niveau), sich mit dem Ethikkodex des Verbandes identifiziert und mehrjährige Berufserfahrung sowie regelmäßige Fortbildungen nachweisen kann.
Die für die DMtG-Zertifizierung anerkannten Ausbildungen schließen neben umfänglichen einschlägigen theoretischen und methodischen Kenntnissen musikpraktische Fähigkeiten, Praktika sowie mindestens 100 Stunden an Selbsterfahrung und mindestens weitere 50 Stunden Supervision ein. Für den Berufsabschluss ist jeweils eine Hausarbeit im Sinne einer Bachelor-Thesis zu erbringen. Je nach Ausbildungsinstitut gelten definierte Zugangsvoraussetzungen wie Mindestalter, Fachhochschulreife und musikalische Eignung. Letztere ist üblicherweise in einer Aufnahmeprüfung unter Beweis zu stellen. Die persönliche Eignung als Therapeut bildet sich u. a. in psychodynamischer Stabilität bei entsprechender Empathie und emotionaler Schwingungsfähigkeit, Reflexionsbereitschaft, selbstintrospektiven Fähigkeiten, Frustrationstoleranz, Flexibilität und einem sicheren Gespür für Nähe-Distanz-Verhältnisse ab.
WISSENSCHAFTLICHKEIT
Musiktherapie sieht sich konstant als Gegenstand einschlägiger Forschungen. Es existieren umfängliche Studien zur Wirksamkeit von Musiktherapie aus unterschiedlichen Klienten-Kontexten und Berufsfeldern. Leider werden die Ergebnisse in Metaanalysen häufig nicht berücksichtigt, da sie den angewandten Filtern nicht entsprechen. Lesern wird einleuchten, dass es nicht möglich sein wird, wie im Einsatz von Placebos bei medikamentösen Testreihen den Behandelten unbemerkt musiktherapeutisch zu behandeln. Die Fachschaft der Musiktherapeuten kann deshalb nicht mit Blind- oder Doppelblind-Studien aufwarten. Nichtsdestotrotz sorgte eine gute Evidenzlage für die Implementierung der Musiktherapie in mehreren medizinischen Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. – u. a. in der Living Guideline Demenz, der S3 Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen und der S3 Leitlinie Schizophrenie.
ABGRENZUNG MUSIKPÄDAGOGIK – INSTRUMENTALUNTERRICHT – MUSIKTHERAPIE
Hier geht es um die Differenzierung der Aufträge im Kontext der spezifischen Fachdisziplinen.
Musikpädagogische Angebote bieten unter Berücksichtigung des Alters und der Reife einen Rahmen für Förderung, Erziehung und Bildung. Es geht um die Entwicklung von Kreativität, technischen Fähigkeiten sowie sozialen Kompetenzen. Pädagogen verstehen sich als Begleiter des kreativen Prozesses, „Anreger“ und Spielpartner.
Beim Instrumentalunterricht erlernen Schüler am gewählten Instrument (auch die Singstimme wird hier als solches verstanden) die üblichen und notwendigen Techniken und Fingerfertigkeiten, um komponierte oder improvisierte Musik unter Berücksichtigung der Entstehungsepoche und des kulturellen Kontextes angemessen wiedergeben zu können oder ggf. in Gruppen selbige zu musizieren.
Lehrern obliegt vornehmlich die Aufgabe des Demonstrierens, Anleitens, Korrigierens und Kritisierens. Positive Verstärkung im Erfolgsfall wirkt motivierend. Wenngleich wir aus unserer eigenen schulischen Erfahrung erinnern, wie hilfreich ein „guter Draht“ zum Lehrer ist, so ist doch die Person in diesem Kontext nachrangig. Vordergründig ist die Zielsetzung, das Instrument beherrschen und zum eigenen Ausdruck nutzen zu lernen. Die emotionale Berührung durch Musikalisches findet statt und darf stattfinden, wird aber üblicherweise nicht Thema des Settings.
Im therapeutischen (heilkundlichen) Bereich ist die therapeutische Beziehung zwischen Therapeuten und Klienten wichtigstes Element, noch vor Medium oder therapeutischer Methode. Auch hier geht es um die Förderung kreativer Prozesse und sozialer Interaktionen. Allerdings ist das Ergebnis der Musik nicht die Zielsetzung, sondern der gestaltende Prozess dorthin. Das WIE bleibt offen. Der Streichbass darf auch zur Trommel werden, das Klangholz zur Faszienrolle. Es gibt kein FALSCH, sondern viel Raum für Erlaubnis und Experiment. Die Erfahrung des „So-sein-Dürfens“ berührt Klienten tief und lädt ein, sich selbst zu entdecken und kennenzulernen. Die Erlaubnis, hörend da zu sein, wenn das Handeln noch gehemmt ist, ermöglicht Teilhabe und das Gefühl des Angenommenseins.
Das Erleben von Resonanz auf die eigenen mutig eingebrachten Klänge schafft Boden für Selbstwirksamkeitserleben und Selbstbewusstsein. Das Wahrnehmen von Verbundenheit und Zugehörigkeit ermutigt und stärkt. Der therapeutische Auftrag ist hier die Begleitung im Wieder- oder Neufinden verloren gegangener Ressourcen, im Erkennen destruktiver Verhaltensmuster, in der Veränderungsarbeit, in der Entwicklung von Handlungsalternativen, im praktischen Üben von selbstfürsorglichem Handeln u. v. m. Musiktherapeuten sind durch ihre Ausbildung in der Lage, mit durch die Musik ausgelösten emotionalen Reaktionen umzugehen und im Sinne der Zielsetzung von Klienten zu arbeiten.

Iris Wolframm-Zielazek
Musiktherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis