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MPU-Beratung - Ein anderes Klientel und doch dieselben Themen

Es muss Ende 2008 gewesen sein. Ich hatte mich einige Monate zuvor als Heilpraktiker für Psychotherapie in eigener Praxis in Aachen niedergelassen und behandelte überwiegend Patienten mit Ängsten, Zwängen und depressiven Episoden, als mich ein folgenschwerer Anruf erreichte. Der Anrufer erklärte mir, dass er meine Hilfe bräuchte, weil er sich in meiner Praxis auf eine MPU vorbereiten wolle.

als Psychologischer Berater und gerade in diesem Jahr die Überprüfung beim Amtsarzt bestanden, aber mit MPU hatte ich bislang keine Berührungspunkte. Dennoch lud ich ihn gerne zum Erstgespräch ein. Eigentlich überwog meine Neugier, und tatsächlich hatte ich die Idee, ihn nach dem Gespräch an eine Kollegin zu verweisen. Im Gespräch wurde mir dann aber sehr schnell deutlich, dass die Themen wie Ängste, fehlende Visionen und ein unklares Selbstbild mir aus den Sitzungen mit anderen Klienten durchaus vertraut waren. Also entschied ich mich, offen mit ihm darüber zu sprechen, und machte klar, dass ich mit den psychologischen Aspekten durchaus umgehen könnte, mich aber mit den Erwartungen, die man im Rahmen einer MPU an ihn stellt, erst noch vertraut machen müsste. Da er schon zwei erfolglose MPUs hinter sich hatte, konnte er einiges beisteuern und die MPU nach unserer Zusammenarbeit erfolgreich bestehen.


Ich hatte das Glück, in Aachen eine Begutachtungsstelle für MPU vorzufinden, die mir unterstützend zur Seite stand. So konnte ich mich auf diesem Weg langsam ins Thema einarbeiten. Leider gab es zu der Zeit noch keine Seminare zum Thema. Drei Jahre später konnten ich erstmals, mit der freundlichen Unterstützung von Frau Schmidt in Gießen, das erste Seminar für MPU-Berater anbieten. Seither sind mehrere Hundert Kollegen durch diese Seminare gegangen. Mit einigen stehe ich nach wie vor in gutem Austausch.

FASZINATION MPU

Mich fasziniert vor allem die Logik. Man geht davon aus, dass es Gründe gegeben hat, die den Klienten dazu verleitet haben, ein Fehlverhalten an den Tag zu legen, dass zum Verlust seines Führerscheins geführt hat. Ob er dann irgendwann ungeordnet mit Alkohol umgegangen ist oder gar Drogen konsumiert hat, ob er seine Impulse nicht unter Kontrolle hatte oder unaufmerksam gefahren ist und damit zu viele Punkte gesammelt hat, ist nach meiner Erfahrung oftmals Zufall. Es resultiert aus den Gegebenheiten in seinem persönlichen Umfeld.

DIE AUFGABE

In der Logik der MPU geht man davon aus, dass es eine Prägung gegeben hat, die etwa eine zu geringe Frustrationstoleranz, ein problematisches Verhältnis zu Regeln, Selbstunsicherheit oder die Akzeptanz der eigenen Begrenztheit begünstigt hat. Daraus sind Sicht- und Verhaltensweisen entstanden, die den Klienten nicht nur im Straßenverkehr an Grenzen gebracht haben. Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, dies mit dem Klienten aufzuarbeiten, mit ihm funktionale Herangehensweisen zu erarbeiten und ihm zu helfen, diese in sein Leben zu integrieren. Dabei gilt es, Glaubenssätze infrage zu stellen, alte Muster und deren ursprüngliche Motivation zu hinterfragen und dem Klienten neue Ressourcen zu eröffnen oder bewusst zu machen, die ihm nicht nur im Straßenverkehr helfen werden. Gleichzeitig gilt es, die Fachliteratur im Auge zu behalten. Sie hilft uns dabei, einzuschätzen, welche andere Erwartungen, wie etwa Abstinenznachweise, an den Klienten gestellt werden.

PROBLEMLÖSUNGEN

Faszinierend finde ich auch, zu sehen, wenn sich die Probleme des Klienten plötzlich in Luft aufzulösen scheinen. Wenn jemand, der sich vorher nicht abgrenzen konnte, jetzt lernt, Nein zu sagen. Plötzlich kann er die unangemessenen Forderungen seines Chefs oder seiner Freunde zurückweisen, hat Zeit und ist nicht mehr überfordert. Er lernt, dass Freunde auch dann noch mit ihm Zeit verbringen möchten, wenn er nicht (wie früher immer) der Fahrer ist oder dass die gleichen Freunde ihn nicht ablehnen, wenn er jetzt keinen Alkohol mit ihnen trinken möchte. Stattdessen lernt er z. B. rhetorische Mittel kennen, um damit konfliktfrei umzugehen, und erarbeitet sich mit unserer Hilfe Motivation und Erfahrung, das alles in sein Leben zu integrieren. 

DAS VIER-AUGEN-PRINZIP

In meiner Praxis arbeite ich am liebsten im Vier-Augen-Gespräch. Die Botschaft „Einzelgespräche/ keine Gruppe“ stellt sicherlich auch ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal im Rahmen des Marketings meiner Praxis dar. Gleichzeitig fühle ich mich damit aber auch sehr wohl, da ich meinen Klienten viel intensiver erfassen und maximal effizient an seinen Themen arbeiten kann. Nicht zuletzt durch Corona habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass andere Herangehensweisen wie etwa Online-Coaching, Gruppen und gemischte Settings durchaus auch zu respektablen Erfolgen führen können. Nicht zuletzt hängt es auch von den Präferenzen und der Problemstellung des Klienten ab. Entscheidend ist das Ergebnis. Und das ist beim Thema MPU ja auch durchaus teilweise messbar.

Dadurch entstehen häufig Synergien. Immer wieder rufen ehemalige Klienten an und bitten um einen Termin, um Hilfe bei einer schwierigen Entscheidung zu bekommen, Probleme in der Beziehung zu besprechen, unerwartet aufgetauchte Ängste, Schlafstörungen oder beginnende Stresssyndrome zu thematisieren, oder fragen an, ob ihre Partner einen Termin bekommen können.

Wie bereits gesagt, war der auslösende Anruf „folgenschwer“. Denn das Thema MPU hat nicht nur die Schwerpunkte meiner Praxis verändert. Es hat auch meinen Blick auf die Menschen verändert. Und die Befriedigung, auch Jahre später noch von ehemaligen Klienten zu hören, dass unsere Sitzungen ihr Leben positiv verändert haben, lassen mich hoffen, meine Arbeit noch lange fortsetzen zu können und Ihnen vielleicht ein wenig Lust auf das Thema MPU gemacht zu haben.

Peter Reinhard
Heilpraktiker für Psychotherapie, gepr. Psychologischer Berater, MPU-Berater und Psychologischer Coach, Dozent der Paracelsus Gesundheitsakademien
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