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Psychotherapie mit Comic & Co

Ja, Comic, einschließlich Graphic Novel, Manga, Cartoon bis hin zum Bilderbuch sind höchst willkommene Materialien in therapeutischen Kontexten. Dieser Beitrag möchte Sie neugierig machen, einen neueren Trend zu erkunden, und einladen, zu experimentieren. Einige Optionen für psychotherapeutische Intervention und Begleitung stellt er Ihnen vor. Noch ist psychotherapeutische Intervention mit dem Medium Comic ungewöhnlich, nimmt indes rasant an Beliebtheit und Nachfrage zu. Dies steht im Kontext des quantitativen und qualitativen Aufschwungs rund um Bild-WortGeschichten, flankiert von einer Abwendung vom linguistic turn (Fokus Sprache) und Hinwendung zum iconic turn (Fokus Bild). Diese Wende hat in zahlreichen Bereichen gesamtgesellschaftlichen Lebens markant zugenommen.

Comic & Co. nehmen einen sich ausdehnenden und hervorgehobenen Platz ein, haben breitflächig Wissenschaft, Bildung, Kunst und Kultur erobert, werden mit öffentlichen Fördergeldern und der Anwesenheit politischer und kultureller Prominenz, mit Ausstellungen, Kongressen, Messen, mit Veranstaltungen wie dem Comicfestival in München und den Comic-Salons in Erlangen, die im Wechsel zweijährlich stattfinden, protegiert.


Comic dient als Sammelbezeichnung für Graphic Novel und Comics aller Art (z. B. Superhelden, Funnies, Horror, Abenteuer, Mittelalter und andere Epochenspezifika) und hat Fuß gesetzt auf inzwischen jenseits alltäglichen Vergnügens gelegenen Feldern, etwa auf dem von Führungstraining, universitären Lehrinhalten bis hin zu Psychotherapie.

Die Anregung zu diesem Beitrag verdanke ich Hanspeter Reiter, der rund um Comic seit vielen Jahren als Redakteur, Vortragsredner, Rezensent und Autor tätig ist.

Die Vorliebe für Bild, Bild-Wort in der comicesken Form kann therapeutisch vielfältig genutzt werden, insbesondere in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und/oder mit Menschen, deren verbale und literale Kompetenz eher gering ausfällt oder die sich in Verbalsprache weniger wohl und wendig fühlen oder auch sprachlich zu versiert sind (Stichwort: Nebelkerzen), um von rein sprachlicher Therapie zu profitieren. Inwiefern dieses Genre das psychotherapeutische Repertoire befruchten und Compliance dank Überraschung und Vergnügen auf Klientenseite erhöhen kann, wird im Folgenden geschildert. COMIC ALS KUNSTFORM UND PÄDAGOGISCHES MEDIUM

Dietrich Grünewald gilt in der Szene als eine Schlüsselperson, besonders fruchtbar gerade für pädagogische und therapeutische Aspekte. Denn unter seinen Werken zur wechselseitigen Beeinflussung und Prägung von Comic und Kunst sind Schriften, die sich dezidiert auf den Schulunterricht beziehen, samt pädagogischer Anleitungen.

Seine und ähnliche Schriften halfen, das bis in die 1980er-Jahre dominante vernichtende Urteil seitens Pädagogen zu revidieren und Comics/Bildgeschichten zur Quelle kreativen und Lernambitionen verstetigenden Unterrichts zu machen. Zum Ende des 20. Jahrhunderts und protegiert durch eine geistes-, sozial-, kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Comics, Graphic Novel & Co. etablierte sich eine thematische und didaktische Vielfalt, die sich mit konventionellen Literaturgattungen messen kann – und so auch in die Psychotherapie einzog.

COMIC & CO. IN PSYCHOLOGIE UND PSYCHOTHERAPIE

Einige Beispiele für das comiceske Zusammenspiel von Wort und Bild. Diese Interaktion bzw. die wechselseitige Verweisung erscheint in Geschichten (biografisch, fiktiv, beides verwoben) mit den Schwerpunkten Miterleben, Mit- und Nachfühlen, Reflektieren auf Eigenes – stets um die Intention oszillierend, die Angesprochenen (Zielgruppen) via Unterhaltung aufzuklären, Modelllernen zu ermöglichen und ähnliche (Selbst-)Hilfeoptionen zu probieren. Außerdem gibt es eher sachlich orientierte Comics mit dem Primat der Wissensvermittlung. Comics/Graphic Novels im psychologischen Umfeld wenden sich häufig sowohl an Betroffene als auch an Therapeuten, Lehrer und andere professionelle Bezugspersonen.


Leicht und amüsant mutet eine bebilderte exemplarische Reise an, die sich auf psychologisch-psychotherapeutischem Terrain einordnet. Die illustrierte Psychotherapie von Philippa Perry und Flo Perry trägt den Titel: „Wie geht es Ihnen jetzt?“ und signalisiert bereits eine vorzugsweise empathische und humorvolle Grundtonalität.

Die Autorinnen (Mutter und Tochter) teilen sich die Rollen in der Schilderung einer psychotherapeutischen Reise. Philippa Perry ist Psychotherapeutin, Moderatorin (TV und Radio), sie vermittelt vergnüglich und leicht zugänglich, was Psychotherapie beispielhaft Hilfreiches leisten kann. Flo Perry illustriert die psychotherapeutische Suche nach „Wahrheit“ und „Echtheit“. Dabei müssen von den Rezipienten weder die normative Grundfärbung noch Parameter von Wahrheitsaussagen geteilt werden. Die Reiseetappen werfen Fragen und Antworten im Gespräch mit dem Therapeuten auf und laden zu individualisierendem Erkennen und gemeinsamem Arbeiten ein.

PsychoSophcomic.de vermittelt in comicesker Darstellungsweise leichtfüßig und niedrigschwellig Wissen über Psychologie. Der Anspruch ist hoch: PsychoSoph greift über das Fachgebiet Psychologie hinaus auf die Felder Kognitions- und Neurowissenschaft. Das Motiv liegt darin, Therapiebedürftigkeit und Behandlung unter Berücksichtigung wissenschaftlich theoretisch begründeter und empirisch nachgewiesener Wechselwirkungen Rechnung zu tragen (Vorsicht: keine eindeutigen Kausalitäten). Die Verfasserinnen sind bestrebt, durch die comiceske Darstellung die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Betroffenen und ihren Helfern zudem nützliche Anregungen und Hilfestellungen zu bieten.

Wie wäre es, Problem- konstellationen einmal ver- gnüglich und freudvoll zu erleben?

Kinder und Jugendliche erzählen im Comic die Geschichte ihres Heilungsprozesses.

PIC-comic.de – PIC-Comic besteht aus den Anfangsbuchstaben von Psychoedukation und Intervention im Comicstil. Es erscheint als Reihe und offeriert therapeutische Comics und Arbeitsmaterialien, adressiert an verschiedene Zielgruppen. Neben den erstangesprochenen Pädagogen, Therapeuten und Medizinern (mit Affinität zu psychologischen sowie therapeutischen Fragestellungen) verspricht PIC-Comic Hilfestellungen für Nichtprofis, für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und deren Bezugspersonen. Das theoretisch-praktische Fundament speist sich vorzugsweise aus Varianten verhaltenspsychotherapeutischer Theorie und Praxis; indes heben die Autoren hervor, für Modelle und Methoden anderweitiger Provenienz offen zu sein und sie in den Darbietungen zu verarbeiten.

Statt ernst und tragend in Tonalität und Aufmachung präsentiert PIC-Comic Bilder und Texte auf eine Weise, die lächeln macht und motiviert, sich den Materialien näher und tiefergehend zu widmen. Der Ehrgeiz der Autoren richtet sich neben sachlicher Informierung darauf, die Beschäftigung mit den dargebotenen Materialien im Rahmen von Problemkonstellationen vergnüglich und freudvoll erleben zu lassen und „lösungsorientierte Leichtigkeit sowie Selbstwert stärkenden Mut (zu) vermitteln.“

Der PIC-Comic „Der König besiegt seine Angst“ handelt von einem sympathischen König, der intensive Angst davor hat, eine Rede vor seinen Untertanen zu halten. Da dieses aber zum Tagesgeschäft eines Königs gehört, hat er somit ein echtes Problem. Was soll der König nun tun?

Was ihm bei seinem Angstproblem geholfen hat und wie es überhaupt zu dieser Art von Angst gekommen ist, erfahren Leser im Comic auf humorvolle Weise. Zugleich werden sie aktiv in die Geschichte miteinbezogen und können so auch vieles über den Umgang mit den eigenen Ängsten lernen.

Dieses Beispiel entstammt der therapeutischen Praxis und bezieht sich auf eine praktizierende Psychologin. Es kann professionellen Psychohelfern bei der Erkundung der Comicwelt konkrete Anschauung für exemplarisches Arbeiten mit Comics schenken. sevilhofmann.de – Die Psychologin und Autorin Sevil Hofmann beschreibt die Art und Weise, wie sie mit Comics arbeitet: „Kinder und Jugendliche erzählen mit Comics die Geschichte ihres Heilungsprozesses. Mit beeindruckenden und fantasievollen Bildergeschichten schaffen sie kleine Meisterwerke, malen ihre kreativen Lösungswege und zeigen, welche verborgenen Stärken und Fähigkeiten in ihnen stecken. Ihre Comics sind Botschaften, die Mut machen und Hoffnung geben – eine wertvolle Methode, die sich hervorragend für die therapeutische Arbeit eignet.“ Außer Anschauungsdarstellungen offeriert Sevil Hofmann ein Comic-Raster als Kopiervorlage. Ausführliches finden Sie im Buch „Therapie-Comics von Kindern und Jugendlichen“, erschienen im dtv-Verlag. Die Graphic Novel von Johanna Selge und Max Hillerzeder „Auf und Ab. Psychische Krisen ausbremsen“ kombiniert Auf- und Erklärung, Einladung zu Reflexion und Tat in gleichsam temperamentvoller, kreativer, ausgemalten Wort-Text-Kommunikation und bietet ein (auf die jüngere Zielgruppe abgestimmtes) erläuterndes Glossar. Bild und Verbaltext sind miteinander verstärkend im Gespräch, so besonders wirksam und ein eindrückliches Beispiel für das Zusammenspiel von Bild und Wort, von Aktion und Reflexion, von Fühlen und Denken im Auf und Ab seelischer Krisen sowie Optionen, sie zu bremsen oder gar zu stoppen. Eingebunden in die illustrierte Geschichte um den pubertierenden Jugendlichen Noah (Teil 1) schildern die Autoren in ihrer grafischen Erzählung in Worten und ausdrucksstarken Bildern Gefühle, Gedanken, Befindlichkeiten im Umfeld von Angststörung und Depression – in der Absicht, Verständnis und Verstehen zu ermöglichen, unaufdringlich vertraut zu machen mit psychischen Krisen und Strategien, aus einer „Achterbahn“ auszusteigen.

Dabei wählen sie einen kognitiven und pragmatisch geleiteten Zugang, der die Komplexität keineswegs verschweigt und zudem nicht einseitig wertet. Insofern bietet die Graphic Novel Wissen und praktische Hilfestellungen (Teil 2) rundum seelisch-geistige Gesundheit, einschließlich eines ausführlichen Glossars. Dazu gehört das Mau-Manual, origineller Weise aus der Perspektive der kenntnisreichen und therapeutisch begleitenden Katze.

EIN BEISPIEL AUS DEM BEREICH „BILDERBUCH FÜR ERWACHSENE“

Sabine Bohlmann und Stella Dreis präsentieren ein schmales Hardcover-Büchlein mit sehr wenig Text und gefühlvollen, poetischen Bildern, die breitflächig ausgemalt anmuten. Die Texte ähneln Aphorismen, zarten Appellen, die jenen Betrachter, der sich auf die Stimmung einlässt, hineingleiten lässt in eine Welt des Fühlens und träumerischen Sinnierens über Leben und das Sich-Befinden in dieser Welt. „Was wäre, wenn … Über die Möglichkeiten, die in uns stecken“ (Dressler Verlag, 2025) kann zum Tagträumen, Imaginieren, zum fühlenden Sich-Annähern einladen und darüber den psychotherapeutischen Prozess beginnen, begleiten, ausklingen lassen. Muse und Musik, zarte Töne, weich klingende Instrumente – Bilder und Kurzsätze verleiten dazu, über ein nonverbales inneres Gleiten das Reden zu erleichtern oder stattdessen Sprachbilder und -töne zu erzeugen. Für Therapeuten besteht die Herausforderung darin, herauszufinden, inwiefern sich ein Klient oder Patient darauf einlässt. Das Genre „Bilderbuch für Erwachsene“ bedienen inzwischen zahlreiche Verlags- bzw. Medienhäuser und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Ein Grund dafür ist, dass sich Bilderbücher für Erwachsene wie für Kinder und Heranwachsende eignen, um non- oder wenig kognitiv ins Gespräch zu kommen: mit sich selbst, mit anderen, in psychotherapeutischer Begleitung. Aufgrund der Verschiedenheit in Konzeption und Darbietung (mit und ohne Text, mit Malangeboten, als Traum-, Liebes-, Abenteuer-, Entwicklungsreise) eröffnen sie spezielle Möglichkeiten für Psychotherapeuten, Betroffene für einen „heilsamen“ therapeutischen Prozess zu öffnen und ihnen zu helfen.

COMIC & CO. IN THERAPIE? JA, BITTE!

Therapeuten können in praxi mit den Betroffenen vielfältig und individualisiert experimentieren, um sie emotional, mental, kognitiv zu öffnen und zu bahnen. Lernen, Arbeit, Reflexion werden mit Vergnügen verbunden, Motivation für Veränderung wird verstärkt.

Den bereits genannten Beispielen seien einige hinzugefügt. Therapeuten können Comics selbst anfertigen, mit und ohne Text; das Gleiche gilt für die Klienten; Therapeuten können Bilder und Wortblasen wortlos lassen und Betroffene auffordern, sie zu füllen; können bei all dem stets mit Alternativen zu gegebenen Bildern und Texten arbeiten, Fortsetzungsvarianten verbal/visuell skizzieren lassen – und mit weiteren Varianten Perspektivveränderung/-erweiterung verknüpfen.

Therapeuten können Vorhandenes als Grundlage nehmen, um Individuelles bzw. Subjektives zu eruieren. Bei all dem steht der Selbstbezug, die Reflexion in Wort, Bild, Lauten, Bewegungen im Vordergrund, im Kontext eigener Anliegen, Schwerpunkte, eigener Nöte sowie Freuden und Wunschvorstellungen. Und: Comic-Therapie „verführt“ durchaus dazu, die eigenständige Weiterentwicklung außerhalb der Therapiezeiten zu stärken bzw. das Engagement dafür, sich selbst zu helfen.

Zudem können Therapeuten sprachbildlich arbeiten, mit Metaphern & Co. Dazu darf ich mein Buch zur Thematik empfehlen, das neben einer fundierten Erläuterung von Sprachbildern zahlreiche Anwendungsbeispiele enthält: Metaphern lassen sich nicht zuletzt comicesk verwandeln, weil sie sprechende Bilder sind.

Regina Mahlmann: Sprachbilder, Metaphern & Co. Beltz Verlag

Literatur
Kann bei der Autorin

angefragt werden.

Dr. rer. soc. M.A. phil. Regina Mahlmann
Coachin und Beraterin, Moderatorin und Trainerin, Autorin und Textcoachin Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.