Mobbing - Wenn Ausgrenzung krank macht
Mobbing ist ein Angriff auf die seelische Gesundheit eines Menschen. Wer betroffen ist, erlebt nicht nur verletzende Worte oder Handlungen – er verliert häufig Vertrauen, Sicherheit und das Gefühl, sich selbst zu spüren. In meiner therapeutischen Arbeit begegne ich vielen Menschen, die diese Ausgrenzung über Monate oder Jahre ertragen mussten.
In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, wie Mobbing wirkt, wie sich Menschen verändern, die über Jahre hinweg gemobbt wurden – aber auch an einem Fallbeispiel schildern, wie ein Mobbingopfer wieder zurück in sein Leben findet.
DAS ZIEL IST, MUT ZU MACHEN
Mut, hinzuschauen, zu verstehen und Wege zu öffnen, wie Heilung und Verantwortung für das eigene Leben wieder übernommen werden können. Der Begriff „Mobbing“ geht auf den Verhaltensforscher Konrad Lorenz zurück. Er beobachtete, wie sich mehrere Gänse gemeinsam gegen einen Fuchs zur Wehr setzten und ihn in die Flucht schlugen. Diese gruppenbasierte Abwehrreaktion nannte Lorenz Mobbing. Dabei ging es um unterlegene Tiere, die sich zusammenschlossen, um durch kollektives Attackieren, Drohen oder Belästigen einen überlegenen Feind zu vertreiben.
Heinz Leymann, ein deutsch-schwedischer Psychologe, machte diesen Begriff schließlich im Kontext von Arbeitsplatzkonflikten bekannt. So prägte er die Bedeutung von Mobbing im psychosozialen Bereich. Aber Mobbing finden wir nicht nur in der Berufswelt, also am Arbeitsplatz, sondern auch im Bereich von Kindergärten und Schulen. Sind Kinder und Jugendliche von Mobbingprozessen betroffen, wird eine andere Begrifflichkeit verwendet. Man spricht dann von „Bullying“.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass Klienten mit einer depressiven Verstimmung kommen und Hilfe suchen. Sie zeigen auch die für eine depressive Episode typischen Symptome wie Antriebslosigkeit, Interessenverlust, mangelnde Konzentration, Appetitlosigkeit und/oder auch Libidoverlust. Meist wird auch von einem sozialen Rückzug berichtet. In der Regel beginne ich mit einer ausführlichen Anamnese. Neben der Erhebung der personenbezogenen Daten gilt das Augenmerk zunächst der biografischen Anamnese (Kindheit, Schulzeit, Partnerschaften, Familie, beruflicher Werdegang; auch besondere Lebenskrisen sog. Life Events gehören dazu). Die psychische, somatische als auch die Sozialanamnese sind ebenfalls Bestandteil dieser Bestandsaufnahme. Oft höre ich in einem Nebensatz, „Und dann bin ich auch in der Schule gemobbt geworden.“ Nun wissen wir alle, dass mit der Aussage „Ich bin gemobbt worden“ oder „Das war Mobbing“ sehr leichtfertig umgegangen wird. Wir müssen zwischen einer relativ „harmlosen“ Schikane oder einem wirklichen Mobbingprozess unterscheiden. Bei Leymann finden wir eine gute Definition:
„Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“
So ist die Aussage „Ich bin gemobbt worden“ oder Ähnliches für mich immer ein erster Ansatzpunkt. In meiner Praxis mache ich immer wieder die Beobachtung, dass ein Mobbingprozess der Auslöser für die depressive Episode ist. Zwischen Mobbingprozess und der Depression können durchaus mehrere Jahre liegen. Ein Zusammenhang ist nicht immer gleich ersichtlich. Umso wichtiger ist es, auf die Zwischentöne der Klienten zu hören. Der Ursprung ist i.d.R. in der Kindheit zu finden. Mobbing beginnt nicht erst mit dem Eintritt in das Berufsleben. Nein – Mobbing (besser Bullying) beginnt schon im Kindergarten oder der Grundschule und findet in den weiterführenden Schulen seine Fortsetzung.
FALLBEISPIEL
Zu Beginn meiner Praxistätigkeit bin ich in den hiesigen Schulen vorstellig geworden und wollte über Mobbing und dessen Folgen aufklären. Leider blieben die Türen verschlossen. Es hieß, bei uns gibt es kein Mobbing. Doch so langsam öffnen sich die Türen. Das Fallbeispiel macht dies ein wenig deutlich.
Eines Tages rief mich eine Mutter an und bat um einen Termin. Es ginge um ihre Tochter Karin, 16 (Name geändert). Sie würde in der Schule gemobbt. Die Mutter hatte bereits schon Gespräche mit der Klassenlehrerin und dem Schulleiter geführt, leider ohne nennenswerten Erfolg. Wir vereinbarten zunächst ein Erstgespräch. Da die Tochter minderjährig ist, bat ich die Mutter mitzukommen.
Zunächst stelle ich mich und die Praxis vor und bitte beide, mir die Datenschutzerklärung zu unterschreiben. Grundsätzlich gebe ich den Klienten ein Exemplar der Einwilligung zum Datenschutz für deren Unterlagen mit. Wichtig ist, dass Karin ein gutes Gefühl hat, dass sie sich eine Zusammenarbeit mit mir vorstellen kann. Sie muss sich auch nicht gleich entscheiden. In dem Erstgespräch geht es mir darum, die näheren Umstände zu erfahren. Auf Grundlage der Ausführungen stelle ich dann meine Vorgehensweise vor. Auch ist es bei mir üblich, dass ein sog. Behandlungsvertrag abgeschlossen wird. In diesem Fall brauche ich die Einverständniserklärung der Eltern. Schon beim Betreten der Praxis wird deutlich, dass Karin aller Wahrscheinlichkeit nach ein mangelndes Selbstwertgefühl hat. Ihre Körpersprache bringt dies deutlich zum Ausdruck. Auch ihr Händedruck bei der Begrüßung war eher als „lasch“ zu bezeichnen. Zu Beginn des Gespräches mache ich der Mutter deutlich, dass Karin meine Gesprächsperson ist. Selbstverständlich gilt auch in diesem Fall für mich die Schweigepflicht. Als ich diese zur Sprache bringe, merke ich ein „Aufatmen“ bei Karin. Dennoch wird es in regelmäßigen Abständen ein gemeinsames Gespräch mit der Mutter und Karin geben. Aber welche Inhalte der Mutter mitgeteilt werden, wird zwischen Karin und mir besprochen. Es wird nie ein Gespräch nur mit der Mutter geben. Dies ist wichtig. Karin soll sich auf mich verlassen können. Eckpunkte aus dem Erstgespräch: - Seit der 5. Klasse wird Karin gemobbt.
- Mit der 6. Klasse nimmt der Mobbingprozess zu.
- Es sind überwiegend Mädchen beteiligt.
- Es gibt in der Klasse einen Jungen, mit dem sie sich sehr gut versteht. Sie sitzt auch neben dem Jungen. - Starker Leistungsabfall: Leistungen überwiegend im befriedigenden und ausreichenden Bereich, Tendenz weiter fallend. Üblich waren Leistungen im Einer- oder Zweier-Bereich.
- Die Klassenlehrerin zeigt kein Verständnis für Karin und ihre Situation. Der Schulleiter blockt ebenfalls. - Karin fühlt sich ausgegrenzt, ganz nach dem Motto: Außen vor, statt mittendrin.
- Karin geht nicht mehr gerne zur Schule. Sie hat Angst und leidet unter Magenbeschwerden. Es gab auch schon Fehlzeiten.
- Sprache liegt ihr nicht. Sie meint, es würde am Lehrer liegen.
An der Schule gibt es eine Vertrauenslehrerin, die im Umgang mit Mobbing geschult ist. Es gab am Tag des Erstgesprächs einen Austausch zwischen der Vertrauenslehrerin, einem Mitarbeiter des Jugendamtes, Karin und den Eltern. Die Mutter und Karin versprechen sich nicht viel davon. Die Zukunft hat der Einschätzung leider recht gegeben.
Meine Vorgehensweise: Analyse des Mobbingprozesses unter Zuhilfenahme des Systembretts, Erläutern der No-Blame-Approach-Methode, arbeiten an der Körperhaltung.
NO-BLAME-APPROACH-METHODE
Hierbei handelt es ich um einen lösungsorientierten und nichtkonfrontativen Ansatz. Veränderungen entstehen in der Gruppe, wenn Verantwortung geteilt wird. Nach einem einfühlsamen Gespräch mit dem betroffenen Kind wird eine Unterstützergruppe gebildet, die sowohl aus unbeteiligten Mitschülern als auch aus beteiligten Kindern bestehen kann. In der Gruppe wird nicht nach Schuldigen gesucht; stattdessen wird gemeinsam überlegt, wie die Situation für das betroffene Kind verbessert werden kann. Die Gruppe entwickelt eigene Vorschläge und setzt diese im Alltag um. Auch hier sichern Nachgespräche die Nachhaltigkeit.
SYSTEMBRETT
Das Systembrett bietet eine anschauliche Möglichkeit, komplexe Situationen sichtbar zu machen. Durch das räumliche Aufstellen von Figuren können Betroffene Beziehungen, Rollen und Abstände im sozialen Umfeld darstellen, ohne belastende Situationen ausführlich verbalisieren zu müssen. Fazit des Erstgeprächs: - Es kommt zu einer Zusammenarbeit.
- Der Behandlungsvertrag wurde von Karin und deren Eltern unterschrieben. - Die Einverständniserklärung der Eltern lag vor.
- Es wurden mehrere Termine mit Karin vereinbart.
- Es wurde in diesem Stadium auch ein weiterer Termin gemeinsam mit der Mutter vereinbart. Mein Vorschlag, zu gegebener Zeit ein Gespräch mit der Vertrauenslehrerin zu führen, fand beider Zustimmung. Hier bat ich Karin, mir zu gegebener Zeit eine Schweigepflichtentbindung zu unterschreiben.
WEITERER VERLAUF DER BEHANDLUNG
Mithilfe des Systembretts wurde Karin ihre Situation in der Schule bewusst. Sie konnte die Täterin und deren Unterstützerinnen identifizieren. Auch wurde für sie deutlich, wer sich beim Mobbingprozess zurückhält und wer, wenn auch versteckt und verschämt, zu ihr steht. Mit dieser Erkenntnis fühlte sich Karin schon ein wenig besser. Sie beschloss, zu den ihr wohlgesonnenen Mitschülerinnen einen intensiveren Kontakt herzustellen.
Zudem wurde an ihrer Körpersprache gearbeitet. Es wurde eine aufrechte Körperhaltung trainiert. Karin wurde ermutigt, aufrecht in die Klasse zu gehen – und nicht als Letzte. Als sie dann beim nächsten Mal die Praxis betrat, lächelte sie. Voller Stolz berichtete sie, dass es ein gutes Gefühl war, so den Klassenraum zu betreten. Es fühlte sich einfach nur gut an. Auch meinte Karin, dass die Täterin nicht mehr so offensiv ihr gegenüber auftrat.
Zwischenzeitlich fand ein Gespräch mit der Vertrauenslehrerin statt. Es war gut, mit dem Ergebnis, dass sie noch einmal den Kontakt zu Karin suchen wird. Gemeinsam haben wir uns auch über die No-Blame-Approach-Methode ausgetauscht.
Ferner gab es noch ein Gespräch mit der Mutter, nachdem dieses zuvor gemeinsam mit Karin vorbereitet wurde. Die Mutter berichtet auch von einer positiven Entwicklung ihrer Tochter. Zu Hause würde sie auch selbstbewusster auftreten.
ERGEBNIS
Nach sechs 60-minütigen Sitzungen zeigte Karin ein deutlich sicheres Auftreten: - Sie verstand, sich durchzusetzen.
- Sie wurde allmählich in dem Klassenverband wieder integriert. - Sie ging wieder gerne in die Schule.
- Die Leistungen wurden wieder besser.
AUSBLICK
Bei Mobbing gilt, wehret den Anfängen. Es ist wichtig, schon sehr früh mit der Prävention zu beginnen. Mobbing beginnt schon im Kindergarten. Man sollte sich auf gar keinen Fall von Widerständen aufhalten lassen. Bleiben Sie hartnäckig, es macht sich bezahlt.

Dr. rer. nat. Jürgen Fuhse
Chemiker, Heilpraktiker für Psychotherapie, Mediator