Humanistische Rehabilitation im Behinderten- und Rehasport
Im Rahmen einer Masterthesis aus dem Jahr 2025 an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport, Fakultät Sportwissenschaften, wurden zwei selbst initiierte Studien miteinander verglichen. Im Kern ist die Thesis sportwissenschaftlich aufgebaut, folgt aber zugleich einem ganzheitlichen und humanistischen Ansatz, der gesundheitswissenschaftliche Aspekte wie persönliche Begleitung und menschliche Nähe betont. Wissenschaftlich, aber mit Herz und Hand. Untersucht wurde u. a., in welchem Ausmaß psychologische, psychosoziale und humanistische Faktoren den Verlauf einer Rehabilitation beeinflussen.
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass standardisierte Gruppenmodelle in der Rehabilitation häufig nicht ausreichen, um die Situation von Menschen mit komplexen körperlichen und psychischen Belastungen nachhaltig zu verbessern. Ziel war es daher, zu erfassen, wie ein individualisiertes, humanistisch geprägtes Vorgehen auf körperliche, psychische und soziale Ergebnisse wirkt. Welche Rolle spielen psychotherapeutische Interventionen und Coaching im Zusammenspiel mit Trainingsreizen tatsächlich?
Die Grundannahme (Hypothese) der Arbeit lautet, dass u. a. Motivation, Emotionsregulation, Angstfreiheit, Selbstwirksamkeit und soziale Verbundenheit für den Erfolg der Rehabilitation mindestens ebenso bedeutsam sind wie biomechanische oder trainingswissenschaftliche Parameter.
METHODIK UND STUDIENDESIGN
Die Studie umfasst zwei Teile: Eine ältere Analyse aus dem Jahr 2012 untersuchte 50 Personen einer klassischen orthopädischen Rehabilitation. Eine andere Studie untersuchte retrospektiv fünf ausgewählte Patienten aus den Jahren 2024 und 2025. Diese Einzelfälle, die neurologische, psychiatrische, orthopädische und geriatrische Vorerkrankungen aufwiesen, wurden verschiedenen Interventionen im 1:1-Setting (Einzelbetreuung) unterzogen. Alle Personen wurden teils über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet, jedoch wurden jeweils 90 Tage für den sportwissenschaftlichen Outcome gewertet. Die Datenerhebung erfolgte über Leistungsdaten, Tagebuchstrukturen, qualitative Beobachtungen sowie über zwei Fragebögen. Der erste Fragebogen PRE-Questionnaire (Abb. 1) untersuchte u. a. Motivation, Angst, Stress, Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung. Der zweite Fragebogen MAIN-Questionnaire (Abb. 2) erfasste Veränderungen in der Emotionsregulation, der psychosozialen Stabilität, mentalen Belastbarkeit und Compliance.
Die Auswertung kombinierte quantitative und qualitative Werte. Quantitativ wurde erfasst, in welchem Ausmaß sich die körperliche Belastbarkeit bei sportwissenschaftlichen Tests über den Verlauf entwickelte. Qualitativ wurde erfasst, wie stark sich psychologische Variablen im Zeitverlauf verändern und welchen Anteil sie am Gesamtergebnis hatten. Diese Daten wurden mithilfe einer modifizierten BORG-Skala (Abb. 3) dargestellt.
THEORETISCHE GRUNDLAGEN
Die Studie orientiert sich am bio-psycho-physischen Modell, das von Engel um sporttherapeutische und physiologische Perspektiven erweitert wurde. Gesundheit wird als Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Einflussgrößen verstanden. Antonovskys Salutogenese-Modell bildet einen weiteren Bezugspunkt, das Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit als Ressourcen beschreibt. Gerade bei Menschen mit multi-plen Belastungen zeigt sich oft ein eingeschränktes Kohärenzgefühl, was sich in Ängsten, Vermeidung, verringerter Selbstwirksamkeit und emotionaler Instabilität äußert.
Es gilt, den Menschen als Ganzes zu unterstützen – Körper, Gefühle und Alltag.

Abb. 1: Tonndorf, 2005
Die dritte tragende Säule ist der humanistische Ansatz nach Carl Rogers. Empathie, Echtheit und bedingungsfreie Wertschätzung werden als wesentliche Faktoren betrachtet, um Vertrauen aufzubauen und eine stabile therapeutische Beziehung zu ermöglichen. Diese Beziehungsebene verwirklichte bei allen fünf untersuchten Patienten eine signifikante Verbesserung ihrer körperlichen Trainingserfolge.
PROBANDENCHARAKTERISTIKA
Die fünf Einzelfälle stehen exemplarisch für komplexe Rehabilitationsprozesse. Ein Patient litt an den Folgen einer frühkindlichen Gehirnentzündung (Enzephalitis). Er zeigte deutliche koordinative Einschränkungen sowie soziale Ängste und Phobien. Eine hochbetagte Patientin (97 Jahre) brachte Mobilitätsverlust und Sturzangst mit, zudem eingeschränkte psychosoziale Ressourcen. Eine weitere Person, hier mit psychiatrischer Vorgeschichte, litt unter depressiven Episoden, emotionaler Instabilität und einer bestehenden PTBS. Ein weiterer Patient zeigte nach mehreren Schlaganfällen reduzierte Alltagskompetenzen, kognitive Einschränkungen und neurologische Defizite. Schließlich kämpfte eine 90-jährige orthopädische Patientin mit chronischen Schmerzen der Wirbelsäule und emotionalen Erschöpfungszuständen.

Abb. 3: Zusammenhang physischer Effekte (quantitative Messung Leistungsdiagnostik) und bio-sozio-psychischer Effekte (qualitative Messung „TRUST-Skala“ angelehnt an BORG 0-10 Punkte). Ganzheitliche Leistungsbetrachtung eines Einzelfalls. Tonndorf, 2024


Studie Kraftdelta – Zwei-Kohorten – 90-Tage-Intervention Gruppe Orthopädie im Rehabilitations- und Behindertensport (Tonndorf, 2023)

Studie Kraftdelta – Einzelfälle – 90-Tage-Intervention Einzel-Betreuung im Rehabilitations- und Behindertensport (Tonndorf, 2025)
QUANTITATIVE ERGEBNISSE
Die sportwissenschaftliche Auswertung leitliniengerechter orthopädischer Rehabilitation der 50 Personen zeigte einen durchschnittlichen Kraftzuwachs von 27,7%. Teilnehmende mit orthopädischen Beschwerden profitierten stärker als Personen ohne entsprechende Befunde.
Die Ergebnisse der Kraftübungen aus den fünf Einzelfällen zeigten einen gemittelten Kraftzuwachs von 33,1%. Dies zeigt, dass bei individueller Betreuung deutliche körperliche Fortschritte möglich sind. Körperliche Leistungsdaten sind gut messbar. Wie aber steht es um die Erfassung psychosozialer Faktoren?
Eine solche Erfassung ist deutlich aufwendiger und wurde daher nur bei den fünf Einzelfällen erhoben. Diese umfassen primäre psychologische Faktoren wie Angst, Motivation, Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation, psychosoziale Stabilität und Compliance. Und sekundäre Faktoren wie therapeutische Beziehung, Humanismus, Edukation, hypnotherapeutische Elemente, Achtsamkeit und Atemtechniken.
PSYCHOLOGISCHE UND PSYCHOSOZIALE ERGEBNISSE
Alle Einzelfälle zeigten deutliche Verbesserungen der psychologischen Fähigkeiten: - Die Motivation stieg um 18-34%.
- Angst und Stress nahmen um 22-41% ab.
- Die Selbstwirksamkeit erhöhte sich um 25-48% und stand in engem Zusammenhang mit Compliance, motorischem Fortschritt und wachsender Alltagszuversicht.
- Die psychosoziale Stabilität (20-38%) verbesserte sich spürbar.
- Die Emotionsregulation (18-31%) verbesserte sich ebenso deutlich.
Diese Veränderungen traten häufig im Zusammenhang mit hypnotherapeutischen Kurzinterventionen, Achtsamkeitsarbeit, Beratungsgesprächen sowie körperbezogenen Entspannungsübungen auf. Trotz funktionaler Überschneidungen mit sportwissenschaftlich wirksamen Feldern wie Entspannung oder mentalem Training zeigt sich ein klares Ergebnis: Die psychologische Dimension stellt eine der stärksten Wirkdimensionen der gesamten Rehabilitationsmaßnahme dar und ist mindestens gleichwertig mit biomechanischen, trainingswissenschaftlichen und physiotherapeutischen Parametern.
ANTEIL PSYCHOLOGISCHER INTERVENTIONEN
Die Analyse ergab, dass psychologische Wirkdimensionen zwischen 42 und 48% der Gesamtentwicklung ausmachen. Der neurologisch beeinträchtigte Fall erreichte etwa 48%, die psychiatrisch belastete Patientin etwa 46%. Die übrigen Fälle lagen zwischen 39 und 44%.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass psychologische Faktoren körperliche und physiologische Komponenten nicht nur ergänzen, sondern deren Wirksamkeit entscheidend beeinflussen.

Abb. 4: Ganzheitliche Interventionen eines Einzelfalls. Tonndorf, 2024
Abb. 5: Häufigkeit und Rang der in Einzelfallstudien genannten Kategorien. Tonndorf, 2024

DISKUSSION
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass psychische Instabilität körperliche Fortschritte erheblich begrenzen kann. Erst wenn Angst, Emotionsregulation, Selbstwirksamkeit und Motivation ausreichend stabilisiert sind, können motorische Trainingsreize langfristig wirksam werden.
Der humanistisch-holistische Ansatz, der therapeutische Beziehung, edukative Elemente, Achtsamkeit, hypnotherapeutische Impulse und körperliche Aktivierung verbindet, trägt wesentlich dazu bei, diese Blockaden zu lösen.
Die Fallstudien stützen damit internationale Erkenntnisse, wonach multimodale Rehabilitationsmodelle wirksamer sind als rein physisch-medizinisch orientierte Ansätze. Voraussetzung hierfür sind Hingabe seitens der Behandelnden, Vertrauen der Klienten sowie eine Begegnungskultur auf Augenhöhe, wie sie Carl Rogers vertritt.
CONCLUSIO
Psychologische Interventionen stellen einen zentralen Beitrag zum Rehabilitationserfolg dar. Mit einem durchschnittlichen Anteil von 45% prägen Motivation, Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation, psychosoziale Stabilität, Angstfreiheit und Compliance den Rehabilitationsverlauf.
Ein Ansatz, der körperliches Training mit empathischer Beziehungsgestaltung, psychotherapeutischen Mikrointerventionen und edukativen Elementen verbindet, erweist sich insbesondere bei komplexen Fallkonstellationen als wirksam.
Aus dieser Perspektive erscheint es ratsam, den Behinderten- und Rehabilitationssport künftig stärker interdisziplinär auszurichten und psychologische wie humanistische Elemente fest zu verankern.
Und das mit Hingabe, Herz und Hand. Denn nur so kann Rehabilitation gelingen.

Oliver Andreas Tonndorf
Heilpraktiker für Psychotherapie mit Praxis in Berlin, B.A. Ernährungsberatung, Diplom Orthomolekulare
Medizin, M.A. Sportwissenschaften, Dozent