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Der Weg aus dem Chaos

Es gibt sie angeblich: Menschen, die morgens beim ersten Weckerklingeln aufstehen, ihre Meal-Prep-Boxen perfekt gepackt zur Arbeit mitnehmen, ihre Vorsorgetermine rechtzeitig vereinbaren und pünktlich ihre Medikamente einnehmen. Menschen, die ihre To-do-Listen diszipliniert abarbeiten und ihre Aufgaben scheinbar mühelos bewältigen. Um es kurz zu machen: Ich gehöre nicht dazu.

Perfekte Menschen sind zu einem großen Teil reine Illusion.

Mein Leben ist Chaos. Dabei ist mein Kopf ein Ort, der Struktur und Ordnung benötigt, um zu funktionieren – doch gleichzeitig scheint er sich vehement dagegen zu sträuben, diese Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich möchte nicht behaupten, dass alle Menschen, die in einem gewissen Chaos leben, unglücklich sind. Und ich glaube auch nicht, dass wir alle einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen müssen. Aber für mich persönlich war der Leidensdruck so groß, dass ich nahezu alles ausprobiert habe, um Ordnung in mein Leben zu bringen: Belohnungssysteme, Bestrafungen, unzählige Listen. Ich habe mich dazu gezwungen, Aufgaben zu Ende zu bringen, bevor ich Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken oder den Gang zur Toilette befriedigt habe. Ich habe zwanghaft aufgeräumt, achtmal am Tag gestaubsaugt und mich nachts im Bett gewälzt, weil etwas unerledigt war. Doch das Chaos kehrte immer wieder zurück – begleitet von Scham, Selbstzweifeln und der bohrenden Frage: Was machen andere Menschen anders, dass es bei ihnen funktioniert?


DIE SUCHE NACH LÖSUNGEN

Ich habe recherchiert, ausprobiert und bin seit Langem in Therapie. Es dauerte, bis ich realisierte: Diese „perfekten Menschen“ sind zu einem großen Teil eine Illusion. Tatsächlich kenne ich viele Menschen, die ebenso Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen, ohne auszubrennen oder sich selbst unter Druck zu setzen.

Was ich außerdem herausfand: Ich bin erstaunlich gut darin, anderen bei ihrem Chaos zu helfen. Ich organisiere, plane, strukturiere – und das mit Leichtigkeit. Warum klappt es dort, aber nicht bei mir selbst? Ein wesentlicher Grund: Bei anderen gibt es keine emotionale Bindung zu den Dingen. Ich kann sachlich und systematisch vorgehen und halte mich an die geplante Struktur. Außerdem verschafft es mir Dopamin, anderen eine Freude zu machen. Doch wie lässt sich das auf mein eigenes Chaos übertragen?


DOPAMIN UND STRUKTUR

Die Antwort war einfacher, als ich dachte: Ich brauche Dopamin, um motiviert zu bleiben. Ich liebe Hörbücher, Podcasts und Musik – Dinge, die mich in einen Flow bringen. Deshalb begann ich, Aufräumaktionen zu filmen: Ich stelle mein Handy auf Zeitraffer-Modus, setze Kopfhörer auf und arbeite mich durch eine Ecke meines Zuhauses.

Die Kamera erfüllt dabei zwei Zwecke: Zum einen gibt sie mir einen klaren Fokus – ich arbeite nur an dem Bereich, den sie aufnimmt. Zum anderen genieße ich den Vorher-nachher-Effekt. Das fertige Ergebnis zu sehen, verschafft mir zusätzliches Dopamin und ein Gefühl von Erfolg.

Um mich nicht ständig ablenken zu lassen, bereite ich Kartons vor: für Müll, Spenden und Dinge, die verkauft werden sollen. So bleibt alles in einem geordneten Rahmen und ich muss den Arbeitsbereich nicht verlassen, bis die Aufgabe abgeschlossen ist.

DAS CHAOS LANGFRISTIG IN DEN GRIFF BEKOMMEN

Doch wie hält man die Ordnung? Das ist für mich die größere Herausforderung. Hier kommt der emotionale Aspekt ins Spiel.

Beispiel: Ich habe Gegenstände, die seit Jahren unbenutzt in Kisten liegen. Sollte ich sie endlich entsorgen? Die Antwort lautet oft: Nein! Dinge zu besitzen bedeutet auch, Verantwortung für sie zu tragen – und diese Verantwortung kann belastend sein. Es lebt sich leichter mit weniger Ballast, aber das Aussortieren ist ein langsamer, mühsamer Prozess.

Mein Ziel ist es, jedem Gegenstand in meinem Zuhause einen festen Platz zuzuweisen. Nach dem Motto: „Don’t put it down, put it away.“ Doch wie zu erwarten, habe ich derzeit mehr Dinge als Platz. Deshalb arbeite ich mich Schritt für Schritt durch mein Zuhause, sortiere aus und frage mich ehrlich: Möchte ich diesen Gegenstand wirklich behalten? Oder halte ich ihn nur, weil ich denke, dass ich ihn halten muss?

GEDULD MIT SICH SELBST

Dieser Prozess erfordert Geduld und Selbstmitgefühl. Emotional aufgeladene Gegenstände können besonders herausfordernd sein und die Gefahr, sich zu überfordern, ist groß. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich nicht zu hetzen. Stattdessen gönne ich mir Pausen und freue mich über jeden kleinen Fortschritt.

Ich werde niemals eine Minimalistin sein, und das ist in Ordnung. Doch mit jeder Kiste, die ich verschenke oder wegwerfe, fühle ich mich ein Stück leichter. Mein Ziel ist ein Leben, das nicht von Chaos und Scham geprägt ist – eines, in dem ich gerne nach Hause komme und in dem ich ohne Angst Menschen einladen kann.

EIN PERSÖNLICHER WEG

Was für mich funktioniert, muss nicht für andere gelten. Chaos ist nicht per se schlecht und niemand sollte sich gezwungen fühlen, eine bestimmte Ordnungsidee zu übernehmen. Aber in einer hektischen, stressigen Welt ist es wichtig, einen eigenen Weg zu finden, um nicht auszubrennen.

Für mich bedeutet das: Kopfhörer auf, Kartons bereitstellen und mit kleinen Schritten vorangehen. Und warum sollte ich mich dafür schämen? Auch Erwachsene dürfen sich erlauben, das Leben so zu gestalten, wie es für sie funktioniert – mit Tricks, die das Chaos leichter machen.

Denn am Ende zählt nicht Perfektion, sondern das Gefühl, sich selbst ein Stück näherzukommen.

Concetta Crocco
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Wie zu er- warten, habe ich derzeit mehr Dinge als Platz.