WELT.de Artikel: „Der Beruf des Heilpraktikers müsste abgeschafft werden“ - Ein Kommentar
Durchschaubare Stimmungsmache
Gute Meinungsmanipulation zeichnet sich dadurch aus, dass die Adressaten nicht merken, wenn sie manipuliert werden. Ein gelungenes Gegenbeispiel präsentierte die Online-Ausgabe der „Welt“ am 15. März: Der Artikel „Ersatz für Psychotherapie – der Beruf des Heilpraktikers für Psychotherapie müsste abgeschafft werden“ versucht nicht einmal, den Eindruck ausgewogener Berichterstattung zu erwecken.
In dem Text zeichnen vermeintliche Experten wieder einmal das Bild der mindestens unfähigen, oft genug sogar gemeingefährlichen Heilpraktiker und Heilpraktiker für Psychotherapie. Und – auch das ist nicht neu – es wird wieder die Abschaffung der Berufsgruppe gefordert. Selbstverständlich aus reiner Fürsorge den Patienten gegenüber, die ja unwissend ins sichere Verderben stolpern, wenn sie sich an einen Heilpraktiker oder einen Heilpraktiker für Psychotherapie wenden.
So weit, so abgedroschen, und ebenso selbstverständlich hat der VFP reagiert. Schade ist, dass sich auch eine renommierte Zeitung wie die „Welt“ für solch durchschaubare Kampagnen missbrauchen lässt.
Interessant ist aber die Dreistigkeit, mit der die üblichen Interessenvertreter vorgehen: Just ist das Empirische Gutachten der Bundesregierung zum Heilpraktikerwesen veröffentlicht worden. Dieses Gutachten kam nicht von irgendwo her, sondern vom Bundesgesundheitsministerium, und das steht sicher nicht im Verdacht einer besonderen Nähe zu Heilpraktikern. Und dieses Gutachten räumt gründlich auf mit allen bekannten (und weniger bekannten) Vorurteilen und Falschbehauptungen über Heilpraktiker für Psychotherapie. Es belegt beispielsweise die ausgeprägte Fort- und Weiterbildungsbereitschaft des Berufsstandes und beleuchtet auch den beruflichen beziehungsweise schulischen Background der Berufskollegen: So verfügen 69 Prozent über eine allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife; 52 Prozent zudem noch über eine hochschulische Ausbildung, und die überwiegend im Humanmedizinischen Bereich oder den Gesundheitswissenschaften.
Das Gutachten stellt die soliden Ausbildungsinhalte heraus und kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass Heilpraktikern für Psychotherapie in der Ausbildung wissenschaftlich fundierte Inhalte und praktische Relevanz (bei der Arbeit mit Menschen) besonders wichtig sind.
Das deckt sich mit dem beruflichen Alltag der meisten Heilpraktiker für Psychotherapie: Die Mehrzahl setzt (mindestens) ein Richtlinienverfahren ein (meist Gesprächstherapie) und ergänzt das je nach Bedarf und Situation des Patienten gegebenenfalls mit weiteren kreativen psychotherapeutischen Methoden, die in anderen europäischen Ländern als wissenschaftlich evident und wirksam anerkannt sind .
Diese Methoden führen – anders als der Welt-Artikel suggeriert – weder reihenweise in die psychische Katastrophe noch zu einer Prozesswelle. Bester Indikator für die solide Arbeit der Heilpraktiker für Psychotherapie sind – neben stetig steigender Patientenzahlen - die Beiträge zur Berufshaftpflicht, die seit Jahrzehnten ausgesprochen niedrig sind. Und wer nach spektakulären Prozessen gegen Heilpraktiker für Psychotherapie sucht, der sucht vergebens, so das Empirische Gutachten des Gesundheitsministeriums: Eine Auswertung der zwischen 1993 (seit diesem Jahr gibt es den sektoralen Heilpraktiker für Psychotherapie) und 2023 veröffentlichten Gerichtsentscheidungen ergab keine relevanten strafrechtlichen Verurteilungen gegen sektorale Heilpraktiker für Psychotherapie. In den zehn Jahren seit 2014 seien insgesamt sieben (!) strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen Personen mit einer sektoralen Heilpraktikererlaubnis im Bereich der Psychotherapie bekannt geworden. Und in ganzen drei dieser Fälle kam es zu einer Verurteilung. Dabei ging es um „unrechtmäßige Titelführung“, die Überschreitung der Zulassungsgrenzen der sektoralen Heilpraktikererlaubnis sowie Steuerhinterziehung.
Die Liste der durch das Gutachten entkräfteten Falschbehauptungen interessierter Kreise über Heilpraktiker für Psychotherapie ließe sich fortsetzen. Man sollte also meinen, dass sich die Gegner des Berufsstandes angesichts der nunmehr unstrittig belegten Faktenlage etwas Neues einfallen lassen. Dass dem nicht so ist, lässt auf eine gewisse Nervosität schließen: Offenbar will man, ehe das Gutachten in breiten Kreisen der Politik zu bekannt wird und zwar falschen, aber beliebten Argumentationen die Grundlage entzieht, schnell noch einmal den altbekannten Unsinn in die Welt pusten. Neue Argumente ließen sich in der Kürze der Zeit wohl nicht finden.
Ihr Dr. Werner Weishaupt
Präsident des VFP e.V.
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www.welt.de/politik/deutschland/plus69a829d2563ae9c42dea4238/ersatz-fuer-psychotherapie-der-beruf-des-heilpraktikers-muesste-abgeschafft-werden.html