EMDR in der Praxis
Als Inhaber einer Fachpraxis für EMDR möchte ich gerne allen Lesern und dem Kollegenkreis einige praktische Aspekte sowie Erfahrungen in der Anwendung darlegen.
Vor fünf Jahren habe ich mich in einer Fortbildung mit EMDR bekannt gemacht, habe am eigenen Leib erfahren, wie effektiv dort meine noch zum Teil vorhandene Höhenangst therapiert wurde, die auf einer Skala von 0 bis 10 bei Stufe 6 bis 7 anzusiedeln war. Mit der Behandlung in der Fortbildung ist diese Höhenangst komplett verschwunden. Seither habe ich mich in meiner Praxis auf diese hoch effektive Form der Psychotherapie spezialisiert.
EINIGE FALLSTUDIEN
FALL 1 Ein älterer Herr, damals 74 Jahre alt, kommt in die Praxis. Er klagt darüber, dass ihn erhebliche traumatische Erlebnisse (der Klient war in der Nachkriegszeit bei einem sadistischen Elternpaar aufgewachsen) noch heute massiv belasten würden. Psychiatrische Behandlungen mit Medikamenten, unzählige psychotherapeutische Sitzungen konnten über Jahrzehnte hinweg sein Leid nicht im Ansatz lindern.
Der Klient schilderte etwa 25 bis 30 drastischste Erlebnisse, was einem kleinen Kind so angetan werden kann: Er wurde wegen angeblichen Fehlverhaltens vom Vater bei Angst vor Dunkelheit und Spinnen stundenlang in den feuchten und stockdunklen Lehmkeller des Hauses eingesperrt. Wegen Rechenproblemen (er konnte für die Schule kaum lernen, musste die meiste Zeit auf dem landwirtschaftlichen Anwesen auf dem Acker verbringen) „übte“ die Mutter mit ihm in der Küche Rechnen. Bei jeder Fehladdition oder -subtraktion schlug ihn seine Mutter massiv mit einer Rute auf den Kopf. Sie können sich vorstellen, dass ein 9-jähriger Junge unter diesen Umständen keinen klaren Gedanken fassen kann.
An einem anderen Tag schlug der Vater auf dem Acker mit seinem Stiefelabsatz so auf die Mutter ein, dass sie stark aus Kopf und Nase blutend bewusstlos auf dem Acker liegen blieb. Der Bub musste in der Angst, die Mutter sei tot, mit dem Vater noch stundenlang das Feld beackern.
Nach der Anamnese mit den 25 bis 30 massiven Übergriffen begannen wir mit der Abarbeitung bei einer wöchentlichen Sitzung. Im Laufe dieser Sitzungen wurde pro Anwendung ein Trauma neutralisiert. Nach etwa dreieinhalb Monaten war es so weit und der ältere Herr berichtete, dass ALLE Traumata nun keine Bedeutung mehr hätten. Es stellte sich heraus, dass sich quasi als „Nebeneffekt“ viele der eigentlich noch vorhandenen Traumata ebenfalls aufgelöst hatten.
FALL 2 Eine ältere Dame, damals etwa 70 Jahre alt, kam nach jahrzehntelanger Behandlung mit acht maschinengeschriebenen Seiten ihrer traumatischen Erfahrungen, inklusive sexueller Übergriffe, in die
Praxis. Nach einigen Monaten und etwa 20 Anwendungen war die Liste „abgearbeitet“ und wir konnten die Therapie beenden. Eine Anwendung pro Vorfall hatte genügt.
FALL 3 Eine junge Frau, 21, hatte einen erzwungenen Geschlechtsverkehr hinter sich mit massiver Belastung von „Stufe 10“ auf der Stressskala. In der ersten Sitzung nach der Anamnese gab es bei sechs Durchgängen (Erklärung folgt später im Artikel) keinerlei Veränderung. Die Belastung blieb bei 10. In der darauffolgenden Sitzung erklärte die Klientin vor der erneuten Behandlung, die Belastung würde jetzt mit „Stufe 8“ empfunden. Sechs weitere Sitzungen später war das Trauma gut abgearbeitet. Eine juristische Sanktion des Täters erfolgte später vor Gericht, wobei ich dort über den Therapiehergang berichten sollte. Durch eine Retraumatisierung waren noch drei weitere Sitzungen notwendig.
Folgende Vorgehensweise hat sich bei mir bestens bewährt:
Zunächst erfolgte eine intensive Anamnese der persönlichen Situation seit der Geburt. Elternhaus, das Verhältnis zu Mutter, Vater, Geschwistern, die Kleinkindzeit, Schulzeit, alle traumatischen Erlebnisse, alle vorhandenen Ängste, Zwänge etc.
Danach wird mit dem Klienten ein Trauma oder eine Angst herausgesucht und bearbeitet.
Dabei wird zuerst der Grad der Traumatisierung oder der Angst festgelegt – auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 10 die höchste Angst oder Traumatisierung darstellt. Ich lasse mir das Erlebte, soweit es dem Klienten möglich ist, schildern, frage ihn nach den Emotionen wie Schuld, Scham, Wut, Ekel ... Danach wird noch ein Zielsatz festgelegt, zu dem wir gemeinsam hinwollen, z. B. „Dieses Erlebnis ist ab sofort ohne Bedeutung!“ Auch hier wird die Skala von 0 bis 10 genommen, wobei 0 „dieser Satz ist vollkommen falsch“ und 10 „dieser Satz trifft voll und ganz zu“ bedeutet.
Nun beginnt die Abarbeitung zunächst mit einer Blickfixation, danach werden die Augen geschlossen. Es folgt ein interaktiver Text mit dem Ziel, möglichst viele Gehirnregionen zu aktivieren. Danach gebe ich dem Klienten die Möglichkeit, dem Verursacher auf einer mentalen Ebene zu begegnen und diesem alles zu sagen, was er zu dem Erlebten sagen möchte, wobei die innere Wortwahl durchaus kräftige Worte umfassen darf.
Jetzt wird der Klient in die erlebte Situation hineingeführt und mit den Bildern und seinen Emotionen konfrontiert. Wenn er sich die Situation vorstellen kann, darf er die Augen wieder öffnen. Nun beginnt die Stimulation und der Klient folgt mit den Augen den Fingerbewegungen des Therapeuten (etwa eine Bewegung pro Sekunde bzw. so, wie der Klient folgen kann). Nach etwa 30 Sekunden, begleitet von Suggestionen des Anwenders (Diese Bilder verblassen ... die Situation verliert an Bedeutung, verliert an Belastung ...) darf der Klient wieder die Augen schließen. Nun soll er sich erneut in die Situation hineinversetzen und er wird befragt, welche Belastungshöhe er im Augenblick fühlen kann und wie er den Zielsatz aktuell einstuft. Der nächste Durchgang erfolgt nochmals mit 30 Sekunden Stimulation, danach wieder Abfrage des aktuellen Status. Es folgen maximal vier weitere Durchgänge, die auf zweimal 60 Sekunden und zweimal 90 Sekunden erhöht werden können, wenn der Klient dies leisten kann.
Im Regelfall, so meine Erfahrungen, genügt in den meisten Fällen eine Sitzung, um die Angst bzw. das Trauma so zu bearbeiten, dass es tatsächlich in den Bereich der Erinnerungen übergeht und von den vormals so belastenden Emotionen entkoppelt ist.
FAZIT
Abschließend kann ich nur allen Kolleginnen und Kollegen raten, sich zum EMDR-Therapeuten ausbilden zu lassen. Die Effektivität der Anwendungen wird Sie überzeugen!
Bernhard Schramm Heilpraktiker für Psychotherapie mit Fachpraxis für EMDR, Trauma- und Angsttherapie in Aschaffenburg schramm-psychotherapie
@t-onlinie.de