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Manuelle Verfahren über Körper, Geist und Seele

Massagen gehören zu den ältesten Heilmethoden der Menschheit. Sie kommen nicht nur als Behandlung körperlicher Beschwerden zur Anwendung, sondern auch, um die Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Bereits Sigmund Freud hat Massage zu psychotherapeutischen Zwecken angewendet – eine Maßnahme, die zur damaligen Zeit durchaus üblich gewesen ist. Er gab die manuelle Behandlung jedoch recht bald wieder auf, um sich auf die Technik des gesprochenen Worts zu konzentrieren (Downing, 1996). Andere Pioniere wie Wilhelm Reich, Alexander Lowen oder Gerda Boyesen haben Massagetechniken wieder in psychotherapeutische Konzepte aufgenommen und weiterentwickelt (Geuter, 2019). Für das Einbeziehen manueller Verfahren in die Psychotherapie sprechen Downing (1996) zufolge drei Gründe: der leichtere Zugang zu Affekten und Kindheitserinnerungen, das Erschließen der präverbalen Vergangenheit und die Neustrukturierung von Körperschemata und der Beziehung des Klienten zu seinem Körper.


Manuelle Verfahren, die im Rahmen einer Psychotherapie angewendet werden, müssen dem neuen Kontext angepasst und ggf. weiterentwickelt werden (Downing, 1996). Dies ist allein schon aus berufsrechtlichen Gründen notwendig, da Berührung in der Psychotherapie nur dann legitim ist, wenn sie psychotherapeutischen Zwecken dient (Sasse, 2015). Das Eindringen in tiefere Gewebeschichten, Manipulationen an Gelenken und der Wirbelsäule oder das Setzen von Akupunkturnadeln ist Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten. Manuelle Verfahren, wie beispielsweise Shiatsu oder Akupressur, können am bekleideten Körper oder als herkömmliche Massage am unbekleideten Körper stattfinden.

Berührung kann emotionalen Halt geben, Schutz und Ruhe vermitteln sowie die therapeutische Beziehung vertiefen.

Massagen können das Körpererleben beeinflussen, zu einer dynamischen Entspannung führen und auf diese Weise psychische Inhalte in das Bewusstsein treten lassen (Geuter, 2019). Effekte von Massageanwendungen zeigen sich auf der psychischen Ebene in einem Rückgang von Angstgefühlen und depressiver Symptome, wenngleich nicht von längerer Dauer (Moyer et al., 2004). Erst wenn manuelle Verfahren in einen psychotherapeutischen Kontext eingebettet werden, können sie als psychotherapeutische Technik wirken und zu dauerhaften Veränderungen beitragen (Carroll, 2002).

Beispiele für in einen Gesprächskontext eingebettete manuelle Verfahren sind Shiatsu-Behandlungen, die aus einem Vorgespräch, der Shiatsu-Behandlung und einem Nachgespräch bestehen (GSD, 2020), ferner die von der deutsch-US-amerikanischen Physiotherapeutin Marion Rosen (1914–2012) entwickelte Rosen-Methode, bei der sich Klient und Behandler vor und während der Behandlung in einem Dialog befinden, sowie die Funktionelle Entspannung (FE), eine Form der tiefenpsychologisch fundierten Körperpsychotherapie, die auf die deutsche Gymnastiklehrerin Marianne Fuchs (1908-2010) zurückgeht.


KÖRPERPSYCHOTHERAPIE

Laut Strotzka (1984) ist Psychotherapie „eine Interaktion zwischen einem oder mehreren Patienten und einem oder mehreren Therapeuten (aufgrund einer standardisierten Ausbildung), zum Zwecke der Behandlung von Verhaltensstörungen oder Leidenszuständen (vorwiegend psychosozialer Verursachung) mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation, vorwiegend verbal oder auch averbal), mit einer lehrbaren Technik, einem definierten Ziel und auf der Basis einer Theorie des normalen und abnormen Verhaltens.“

Zu den verbalen Mitteln der Kommunikation gehört das therapeutische Gespräch. Zu den averbalen Kommunikationsformen in der Psychotherapie zählen Verfahren wie Mal- und Kunsttherapie, Musiktherapie, Tanz- und Bewegungstherapie sowie verschiedene Formen der Körperpsychotherapie. Ziel einer Körperpsychotherapie ist es nicht, eine körperliche Erkrankung festzustellen, zu heilen oder zu lindern. Vielmehr soll eine seelische Störung auch vermittels körperlicher Berührung mit psychotherapeutischen Mitteln behandelt werden. Die Berührung ist in diesem Fall der Psychotherapie untergeordnet und im beschriebenen Kontext zulässig (Sasse, 2015).

Downing (1996) betrachtet vor allem solche Anwendungen für die Körperpsychotherapie als geeignet, die nicht in tieferen Gewebeschichten arbeiten. Er widerspricht damit Reich (1989), der tiefergehende Körperarbeit empfiehlt. Manuelle Verfahren, die die genannten Voraussetzungen erfüllen, können daher problemlos in den oben beschriebenen psychotherapeutischen Kontext eingebettet werden.

Das Privileg, einen anderen Menschen berühren zu dürfen, verlangt großen Respekt, Empathie und Fürsorge.

BERÜHRUNG IN DER PSYCHOTHERAPIE

Körperliche Berührung in der Psychotherapie ist ein bis heute teilweise kontrovers diskutierter Aspekt. Nicht nur die auf Sigmund Freud (1856–1939) zurückgehende Abstinenzregel und die Angst vor möglichen Grenzüberschreitungen stellen Hürden dar. Die Evaluation veränderten Verhaltens ist eben um ein Vielfaches einfacher zu erbringen als ein empirischer Beleg für menschliches Erleben (Busch, 2006). Berührung lässt sich gut in die psychotherapeutische Arbeit integrieren, wenn entsprechende Rahmenbedingungen gegeben sind. Die Basis hierfür bildet die körperbezogene Therapie- und Selbsterfahrung des Therapeuten. Der Klient sollte die Idee der körperlichen Berührung als förderlich und emotional nachvollziehbar wahrnehmen (Busch, 2006). Die therapeutische Berührung unterscheidet sich insofern von der Berührung im Alltag, als sie ein dialogisches Geschehen zwischen dem Klienten und dem Therapeuten, ein anderes Medium der Kommunikation ist. Berührung bedarf stets der Anfrage an den Klienten; die therapeutische Beziehung und das Setting müssen geklärt sein. Die Qualität der Berührung und die innere Haltung bzw. Intention des Therapeuten ist maßgeblich (Geuter, 2019). Berührung kann emotionalen Halt geben, Schutz und Ruhe vermitteln und die therapeutische Beziehung vertiefen. Aktivierende Berührung kann die Abwehr entlasten und den Zugang zu ängstigenden seelischen Inhalten erleichtern (Geuter, 2019). Berührung bietet dem Klienten die Möglichkeit, innere Repräsentanzen bedeutender Bezugspersonen erneut aufzusuchen und zwischen altem Konflikt und korrigierenden Berührungserfahrungen zu unterscheiden (Busch, 2006). Nach Westland (2011) kann therapeutische Berührung Halt gebend, reorientierend, belebend, nährend oder lösend erfolgen.


Das Privileg, einen anderen Menschen berühren zu dürfen, verlangt großen Respekt, Empathie und Fürsorge. Therapeutische Berührung muss klar, konkret und in einem professionellen Rahmen erfolgen. Selbstüberschätzung des Therapeuten und Voreingenommenheit gegenüber dem eigenen Verfahren können zu Grenzverletzungen führen und sind in vielen Fällen auf mangelhafte Ausbildung und Supervision zurückzuführen (Young, 2006).

EIN NEUES ABSTINENZVERSTÄNDNIS

In der Körperpsychotherapie ist das traditionelle Abstinenzverständnis nur dann problematisch, wenn es als Handlungsverbot interpretiert wird. In der klassischen Psychoanalyse reinszeniert der Klient seine Problematik in der Beziehung zum Therapeuten, wobei diese nicht durch Handeln, sondern durch einen Prozess des Verstehens bearbeitet wird. Die psychodynamische Körperpsychotherapie erkennt hingegen an, dass Handlungsdialoge – einschließlich körperlicher Berührung – den therapeutischen Prozess fördern können. Handeln und Verstehen sind hier nicht notwendigerweise Gegensätze, sondern können sich wechselseitig ergänzen (Geißler, 2023). Die Abstinenzregel wird in der Körperpsychotherapie nicht als physische Distanz, sondern als präsente, prozessorientierte Mitbewegung des Therapeuten verstanden. Körperliche Berührung stellt dabei nicht perse eine Grenzüberschreitung oder eine Verletzung der Abstinenz dar. Vielmehr kann eine ausreichende körperbezogene Selbsterfahrung des Therapeuten verhindern, dass Berührung unreflektiert bleibt oder sexualisiert wird. In diesem Sinn wird Berührung nicht als mystisch oder riskant betrachtet, sondern als integrativer Bestandteil eines körperorientierten therapeutischen Prozesses, der sinnlich, aber nicht erotisch aufgeladen sein kann (Geißler, 2023).

Laut Maaz (2001) verletzt der Therapeut nur dann die Abstinenzregel, wenn Berührung das Ziel hat, den Klienten zu manipulieren, eigene narzisstische oder sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen oder entsprechenden Angeboten des Klienten zu verfallen.

STUDIEN ZUR WIRKUNG VON BERÜH-RUNG AUF DIE MENSCHLICHE PSYCHE

Baumgart et al. (2011) stellen in einer Übersichtsarbeit die aktuelle wissenschaftliche Evidenz zur Wirkung professionell durchgeführter Massagen bei Depressionen und Angsterkrankungen dar, während sich Müller-Oerlinghausen et al. (2022) umfassend mit der Berührungsmedizin als komplementärem Ansatz unter besonderer Berücksichtigung von Depressionserkrankungen auseinandersetzen.

Moyer et al. (2004) haben die therapeutische Wirkung von Massagetherapien auf die psychische und physische Gesundheit in einer Metaanalyse untersucht. Die Shiatsu Gesellschaft Schweiz stellt auf ihrer Website (www.shiatsuverband.ch) Forschungsdaten zur Wirkung von Shiatsu-Behandlungen unter anderem bei Stress, Depressionen und Fibromyalgie zur Verfügung (SGS, 2025).

Dieser Beitrag stammt aus der Literaturarbeit „Shiatsu aus Sicht der westlichen Psychotherapie“ von Claas Michelsen (2024) und wurde um die Abschnitte zur Abstinenz und zur Studienlage erweitert.

Claas Michelsen Heilpraktiker für Psychotherapie, Supervision, Shiatsu-Behandlungen, Dozent an der Paracelsus Gesundheitsakademie Hamburg
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Literatur

Busch, T. (2006). Therapeutisches Berühren als reifungsfördernde Intervention. In: Marlock, G. & Weiss, H. (Hrsg.).

Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart: Schattauer.

Baumgart, S., Müller-Oerlinghausen, B., Schendera, C.F.G. (2011). Wirksamkeit der Massagetherapie bei Depression und Angsterkrankungen sowie bei Depressivität und Angst als Komorbidität – eine systematische Übersicht kontrollierter Studien. Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin, (4), 167-182.

Carroll, R. (2002). Biodynamic massage in psychotherapy: reintegrating, re-owning and re-associating through the body. In: Staunton, T. (Hrsg.). Body Psychotherapy. London: Routledge.

Downing, G. (1994). Körper und Wort in der Psychotherapie: Leitlinien für die Praxis. München: Kösel.

Geißler, P. (2023) Körperarbeit in der Psychotherapie. Erste Schritte zur Öffnung des Settings. Gießen: Psychosozial.

Geuter, U. (2019). Praxis der Körperpsychotherapie: 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess. Berlin: Springer.

GSD (2020). Shiatsu. Berührung, die bewegt. Wissenswertes über Shiatsu. Hamburg: Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland e.V.

Maaz, H.J. (2001): Integration des Körpers in eine analytische Psychotherapie. In: Geißler, P. (Hrsg.). Psychoanalyse und Körper (2. Auflage). Gießen: Psychosozial.

Moyer, C.A., Rounds, J. & Hannum, J.W. (2004). A meta-analysis of massage therapy research. Psychological Bulletin, (130), 3-18.

Müller-Oerlinghausen, B. et al. (2022). Berührungsmedizin – ein komplementärer therapeutischer Ansatz unter besonderer Berücksichtigung der Depressionsbehandlung. Deutsche Medizinische Wochenschrift, (04), 33-37.

Reich, W. (1989). Charakteranalyse. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Erstveröffentlichung 1933.

Sasse, R. (2015). Von Rechts wegen: der Heilpraktiker für Psychotherapie. Freie Psychotherapie, (4), 62.

SGS (2025). Forschungsdaten. www.shiatsuverband.ch/shiatsu-alstherapie/forschungsdaten/ (abgerufen am 31.01.2025).

Strotzka, H. (1984). Psychotherapie und Tiefenpsychologie. Ein Kurzlehrbuch (2. Auflage). Wien, New York: Springer.

Westland, G. (2011). Physical touch in psychotherapy: Why are we not touching more? Body, Movement and Dance in Psychotherapy, (6), 17-29.

Young, C. (2006). Körperpsychotherapie und ihre Risiken. In: Marlock, G. & Weiss, H. (Hrsg.). Handbuch der Körperpsychotherapie. Stuttgart: Schattauer.