Mit Virtual Reality leichter durch die Angst

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Dr. Silvia Kratzer lacht, wenn sie von ihrem Virtual-Reality-Start im Herbst 2019 erzählt: „Am Anfang habe ich so gut wie jeden Fehler gemacht, den man machen kann! Aber nach drei oder vier Versuchen hat dann alles wirklich super geklappt.“ Inzwischen nutzt sie Virtual Reality seit anderthalb Jahren mehrmals pro Woche mit ihren Patienten (immer m/w/d) und sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass Virtual Reality so einfach zu nutzen ist, so wirksam und mir außerdem so viel Zeit spart.“

FP 0521 komplett app Page48 Image2Die Psychologische Psychotherapeutin aus Donauwörth ist auf Trauma-Folgestörungen spezialisiert. Schon länger hat das Thema Virtual Reality sie interessiert: Denn virtuelle Umgebungen können echte Emotionen und auch echte Angst auslösen (Diemer et al., 2014). Virtuelle Expositionen sind der häufigste Anwendungsfall von Virtual Reality in der Psychotherapie. In der Virtual-Reality-Brille lassen sich genau die Situationen herstellen, die gerade für den jeweiligen Patienten gebraucht werden – sei es eine Autobahn-Fahrt mit Stau, bei engen Baustellen, bei Regen oder mit langem Tunnel, beim Blutabnehmen beim freundlich-jovialen Hausarzt, der Bummel über ein Volksfest mit dicht gedrängten Menschenmengen oder eine Prüfungssituation mit einem kritischen Prüfer.

Wissenschaftliche Studien zum Einsatz von Virtual Reality in der Psychotherapie gibt es bereits seit Mitte der 1990erJahre. In der letzten Dekade hat sich die Forschung auf unterschiedlichste Aspekte und Störungsbilder ausdifferenziert.

Am besten belegt ist die Wirksamkeit virtueller Therapieumgebungen bei Angst vor Spinnen und anderen Tieren, Höhen- und Flugangst. Für den Therapieerfolg bei der Arbeit mit Angstpatienten ist entscheidend, dass die relevanten Merkmale des angstauslösenden Reizes in der virtuellen Umgebung wiedergegeben werden (Diemer et al., 2014), also z. B. die typisch erratischen Bewegungen der Spinne oder der Eindruck von Tiefe beim Blick vom Kirchturm. Auch die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen von 2021 empfiehlt Virtual Reality als Therapie-Tool bei spezifischen Phobien.

Silvia Kratzer führt nicht nur Expositionen mit Virtual Reality durch, sondern unterstützt mit der Virtual-Reality-Brille auch erfolgreich imaginative Entspannungsmethoden: „Wenn ich eine Entspannungssequenz mit meinen eigenen Worten anleite, dann driftet die Fantasie gerade bei PTBS-Patienten oft ab. In Virtual Reality kann ich die Patienten besser dorthin leiten, wo ich sie haben möchte, um das Therapieziel zu erreichen.“ Patienten, die aus Angst vor den inneren Bildern nur ungern die Augen schließen, erlebten unter der VR-Brille echte Entspannung, berichtet die Psychotherapeutin. Um dieses Gefühl auch außerhalb der Therapiestunde zu genießen, haben sich schon einige ihrer Patienten eine eigene Virtual-Reality-Brille für zu Hause zugelegt.

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Dass Virtual Reality Zeit spart und ihre Arbeit erleichtert, das bestätigt Julia Stark, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Dozentin und Supervisorin aus Hamburg. Sie ist auf die Behandlung von Angst- und Zwangserkrankungen spezialisiert und berichtet: „Ich habe in der Arbeit mit meinen Patienten festgestellt, dass es große Lücken in der Angsthierarchie gibt. Virtual Reality überbrückt diese Zwischenschritte und spart mir viel Zeit.“

FP 0521 komplett app Page48 Image3Julia Stark beschreibt, wie sie Virtual Reality einsetzt und wie man sich die Arbeit mit Virtual Reality in der therapeutischen Praxis konkret vorstellen kann: „Ich nutze die VR-Brille vor allem mit Patienten mit spezifischen Phobien, zum Beispiel bei Angst vor Insekten und Blut oder Spritzen. Eine Patientin mit Blut- und Spritzenphobie hatte sich schon seit dem Kleinkindalter nicht mehr impfen lassen. Auf die Exposition in Virtual Reality konnte sie sich aber erstaunlich gut einlassen.“ In der virtuellen Umgebung wurde die Patientin von einer Arzthelferin aus dem Wartezimmer abgeholt und ins Behandlungszimmer geführt. Dort sah sie einen Arzt, der das Spritzenbesteck vorbereitete und schließlich mit der Spritze auf sie zukam.

Julia Stark berichtet: „Die Patientin hat sich mit der VR-Brille auf den Augen so verhalten, als ob sie tatsächlich in der Untersuchungssituation wäre! Sie schaute auf den virtuellen Arm und sagte ‚Das ist jetzt so, als ob es meiner wäre‘ – das fand ich sehr beeindruckend. In sensu oder mit YouTube-Videos hätten wir diesen Effekt niemals erreicht.“ Ein wesentlicher Aspekt für die Therapeutin: „Patienten machen tatsächlich in Virtual Reality die Erfahrung von Habituation. Das, was wir in der Theorie besprechen, können sie virtuell wirklich erleben.“

Die therapeutische Begleitung ist dabei sehr ähnlich wie bei der Arbeit invivo. Julia Stark erzählt: „Ich lehne virtuelle Expositionen nah an die normale Exposition an: Wir explorieren Angstlevel und Körpersensationen. Durch die VR-Brille haben die Patienten ein ganz anderes Erleben als ich als Therapeutin – das ist ein Unterschied und anfangs eine Herausforderung. Aber insgesamt verläuft die Begleitung sehr ähnlich.“ Über ein zweites Wiedergabegerät – PC, Tablet oder Smartphone – kann die Therapeutin außerdem sehen, was ihre Patienten sehen.

FP 0521 komplett app Page48 Image4Tatsächlich kann Virtual Reality das Erlebnis invivo nicht ersetzen. Auch wenn die visuelle Simulation den Nutzer erstaunlich schnell „eintauchen“ lässt, so fehlen doch wichtige Sinneseindrücke einer realen Erfahrung. Doch gerade im therapeutischen Setting bringt eine kontrollierte und auf bestimmte Reize reduzierte Umgebung Vorteile. Virtual Reality ist für viele Patienten ein wichtiger Zwischenschritt, den es braucht, um danach invivo weiterzuarbeiten. Angstpatienten fällt es meist leichter, sich in Virtual Reality unter den kontrollierten, sicheren und diskreten Bedingungen in der Praxis auf eine Exposition einzulassen als in der Realität, das bestätigen auch wissenschaftliche Studien (Wechsler, Kümpers & Mühlberger, 2019).

Für Julia Stark ist die VR-Brille inzwischen ein regelmäßig genutztes Werkzeug geworden. Sie sagt: „Um einen ersten phobischen Reiz zu setzen, habe ich immer wieder mit YouTube-Videos gearbeitet. Aber es war auch oft sehr nervig, ewig zu suchen, bis ich etwas Geeignetes gefunden hatte. Und von diesem Training bis zum lebenden Objekt – wie die Hundeschule – war dann doch noch ein weiter Weg. Virtual Reality macht diesen Zwischenschritt leichter.“

Noch vor einigen Jahren war Virtual Reality für niedergelassene Therapeuten kaum ein Thema: Zu aufwendig und zu teuer waren die verfügbaren Systeme. Das hat sich mittlerweile geändert: Die VirtuallyThere-Mediathek z. B. lässt sich mittels einer App über ein normales Smartphone nutzen. Das Handy wird einfach in eine VR-Brille eingelegt und fungiert als Wiedergabegerät, auf das die VR-Videos gestreamt werden. Solche VR-Brillen sind zu einem Preis von 30 bis 80 Euro erhältlich.

Auch Julia Stark arbeitet mit der Smartphone-VR-Variante und war anfangs erstaunt: „Die Ausstattung ist überraschend kostengünstig und es ist erstaunlich, wie wenig man braucht, um Virtual Reality wirksam einzusetzen. Was ich sehr praktisch finde, in der VirtuallyThere-Mediathek kann man sehr schnell passende Videos finden. Das heißt, ich muss nicht ewig nach hilfreichen Stimuli suchen.“

Virtuelle Expositionen sind auch mit einfacher Hardware-Ausstattung erstaunlich wirksam. Wer sich aber doch eine höhere Wiedergabequalität wünscht und bereit ist, um die 300 Euro für eine VR-Brille auszugeben, der sollte sich die sog. autarken VR-Brillen anschauen. Vor allem für bildgeleitete Entspannungsübungen empfiehlt sich eine höhere Bildauflösung, da das Eintauchen in die virtuelle Umgebung dann erfahrungsgemäß besser gelingt.

Über das Thema Expositionen und Entspannungsübungen hinaus gibt es noch zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten für die VR-Brille in der Psychotherapie, wie die Behandlung von Zwangserkrankungen, Suchtpatienten oder Achtsamkeits- und Fokussierungsübungen in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.

Für die meisten Patienten ist die VR-Brille ein zusätzlicher Spannungsfaktor in der Therapie. Mit speziell konzipierten virtuellen Umgebungen lässt sich auch die Konzentration verbessern und das Ankommen in der Therapiestunde gelingt leichter.

Besonders für junge Patienten erhöht Virtual Reality die Motivation und ist ein Türöffner. Damaris Weick ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Bad Kreuznach und berichtet von der Arbeit mit einer 10-jährigen Phobie-Patientin: „Wir haben gemeinsam ausgewählt, was sie anschaut – zuerst Tauben. Sie tauchte sofort in die Situation ein, lief Tauben fütternd im Zimmer umher und sprach mit vorbeikommenden Passanten.

FP 0521 komplett app Page48 Image5Man kann es nicht beschreiben, das muss man erlebt haben! Sie hatte überhaupt keine Berührungsängste und war einfach neugierig – das macht es viel einfacher, mit Ängsten zu arbeiten. Nach meiner Erfahrung profitieren die Patienten sehr davon. Oftmals war zu Beginn der Konfrontation die Angst sehr hoch – und fiel dann stark ab. Die Kinder erlebten das als großen Erfolg. Und ich spare extrem viel Zeit.“

Was ihr die Arbeit mit Virtual Reality letztlich bringt, fasst Silvia Kratzer so zusammen: „Virtual Reality gibt mir als Therapeutin zusätzliche Handlungsmöglichkeiten und Freiheiten.“ Und dadurch ist sie selbst letztlich auch zufriedener mit ihrer Arbeit.

Obwohl ich seit Jahren täglich mit Virtual Reality arbeite, sage ich ganz ehrlich: Ich bin selbst kein Technik-Nerd, der immer das Neueste vom Neuen haben muss. Und gerade deshalb schaue ich immer kritisch auf ein gesundes Aufwand-Nutzen-Verhältnis: mit VR-Anwendungen, die einen Mehrwert für das Therapieziel liefern, aber einfach zu bedienen sind. Denn nach meiner Erfahrung muss Virtual Reality für die therapeutische Praxis alltagstauglich sein. Denn sonst wird sie für die meisten Therapeuten kein fester Bestandteil des therapeutischen Werkzeugkastens.

Carola EppleCarola Epple
Medienwissenschaftlerin, Expertin für Virtual-Reality-Anwendungen in der Psychotherapie
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Fotos: ©Tierney, ©franz12, ©Carola Epple, ©PixelsEffect, ©halfpoint, ©yacobchuk

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