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Start ins neue Jahr: Dr. Werner Weishaupt über die Arbeit des VFP in der Corona-Pandemie

vfp2021„Krise unterstreicht Stellenwert der Freien Psychotherapie“ / Zur Zukunft der Heilpraktiker für Psychotherapie im Dialog mit der Politik

Während in vielen Branchen seit Monaten Corona-bedingt Kurzarbeit verordnet ist, herrscht in der – ins Homeoffice verlegten – Geschäftsstelle des VFP Hochbetrieb. Dabei geht es zwar auch um die Auswirkungen der Pandemie, doch beileibe nicht nur darum.

Red.: Herr Dr. Weishaupt, die Corona-Pandemie trifft vor allem Selbstständige: Die versprochenen unbürokratischen Hilfen fließen spärlich oder bleiben ganz aus; die Antragstellung empfinden viele Betroffene als Zumutung. Inwiefern sind die Heilpraktiker für Psychotherapie von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen?

Dr. Weishaupt: Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Praxen in Ballungsräumen berichten zum Teil von Terminabsagen aus Furcht vor Ansteckungen. Im ländlichen Raum ist das nicht so spürbar. Andererseits scheinen die psychosozialen Folgen der Pandemie – Stichwort häusliche Gewalt – in Ballungsräumen stärker ausgeprägt zu sein. Das spiegelt sich bei Terminanfragen in Großstadt-Praxen sehr deutlich wider. Viele Menschen leiden unter Einsamkeit, haben Existenzsorgen oder entwickeln diffuse Ängste, die sie selbst nicht benennen können, die aber eindeutig zu den Begleiterscheinungen der Pandemie zählen. Der gesellschaftliche Wert der Freien Psychotherapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie zeigt sich in diesen Monaten besonders deutlich. Fast wie in einer Feldstudie.

Red.: Die Pandemie wirkt sich aber doch auch auf die Arbeit in den Praxen aus?

Dr. Weishaupt: Ja, aber in eher geringem Maße. Wir gehören zu den medizinischen Berufen, die Frage der Praxisschließung stellt sich also nicht. Das Einhalten der Hygieneregeln – Abstand, richtiges Lüften, FFP2-Maske und der korrekte Einsatz von Desinfektionsmitteln – sind selbstverständlich. Außerdem halten wir unsere Mitglieder über die rechtliche Situation oder Veränderungen bei den Hygienerichtlinien auf dem Laufenden. Darum kümmere ich mich selbst, zum Beispiel mittels unseres Newsletters. Dort und auf unseren Webseiten gibt es auch Informationen zu Förder-, Hilfs- und Ausgleichsmaßnahmen.

Red.: Sie sagen, dass die Pandemie die Bedeutung der Heilpraktiker für Psychotherapie für die seelische Gesundheit der Bevölkerung in besonderer Weise verdeutlicht. In den Medien spiegelt sich das aber kaum wider. Viel eher werden „die Heilpraktiker“  mit obskuren Therapiemethoden in Verbindung gebracht und mit Scharlatanen gleichgesetzt. Woran liegt das?

Dr. Weishaupt: Es gibt Berufsgruppen, die ein ausgeprägtes wirtschaftliches Interesse daran haben, den Beruf des Heilpraktikers und auch den des Heilpraktikers für Psychotherapie in Misskredit zu bringen. Diese Interessensgruppen verfügen über zahlenmäßig und finanziell starke Lobbyorganisationen. Für die Medien wie für die Politik ist es zuweilen schwierig, halb richtige von ganz falschen Behauptungen zu unterscheiden.

Red.: Wie gehen Sie damit um?

Dr. Weishaupt: Persönlich engagiere ich mich für ein stärkeres Miteinander der HP-Verbände. Ich gehöre zu den Initiatoren der Gesamtkonferenz Deutscher Heilpraktikerverbände und Fachgesellschaften, der inzwischen 31 Verbände mit mehr als 30 000 Mitgliedern angehören. Der VFP, dem ich als Präsident vorstehe, ist mit rund 11 000 Mitgliedern der größte Berufsverband freier Psychotherapeuten in Deutschland.

Red.: Die Heilpraktiker sollen also mit einer Stimme sprechen.

Dr. Weishaupt: Ja, das ist auch eine Kernforderung der Politik im Dialog mit uns. Mir geht es aber auch darum, aus dieser Gesamtkonferenz heraus sowohl die Vielfalt als auch die Qualität unserer Arbeit zu verdeutlichen. Wir wollen uns nicht ständig rechtfertigen und immer wieder verteidigen müssen. Wir laden die Politik dazu ein, uns als – offensichtlich erfolgreiche – Ergänzung der Schulmedizin zu sehen. Das geht gemeinsam besser als allein.

Red.: Können Sie das „offensichtlich erfolgreich“ konkretisieren?

Dr. Weishaupt: Ja, mit zwei simplen Tatsachen. Zum einen belegt eine aktuelle Studie der Hochschule Fresenius, dass Menschen, die zu Heilpraktikern gehen, mit deren Arbeit ausgesprochen zufrieden sind – weder andere Therapeuten noch Ärzte erreichen diese Zufriedenheitswerte. Und in der Regel bezahlen die Patienten unsere Leistung ja aus der eigenen Tasche. Das würden sie nicht tun, wenn wir keine gute Arbeit leisten würden.

Und zum Zweiten zeigen die sehr günstigen Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung, dass wir gut und sicher arbeiten. Entsprächen die Heilpraktiker dem in Teilen der Medien gezeichneten Bild vom gefährlichen Scharlatan, sähen unsere Haftpflichtbeiträge mit Sicherheit ganz anders aus.

Red.: Trotzdem wird immer wieder auf fehlende wissenschaftliche Evidenz der von Heilpraktikern und Heilpraktikern für Psychotherapie eingesetzten Methoden verwiesen.

Dr. Weishaupt: Da muss man differenzieren. Beide Berufe, insbesondere aber die Heilpraktiker für Psychotherapie, setzen sehr wohl auch allgemein anerkannte Therapiemethoden ein, beispielsweise die Verhaltenstherapie, Hypnosetherapie, Gesprächstherapie. Ich meine aber, in der politischen Diskussion sollten wir davon wegkommen, wissenschaftliche Belegbarkeit als allein selig machende Größe für und wider bestimmte Therapiemethoden anzusehen. Natürlich muss ein Heilpraktiker Fachwissen nachweisen. Diese Nachweispflicht ließe sich im Dialog mit der Politik und den zuständigen staatlichen Stellen sicher auch noch schärfen. Ich bin aber überzeugt: Die

Psyche des Menschen und ihr Wechselspiel mit Körper, Geist und Seele lassen sich nur bedingt in allgemeingültige Schemata zwingen. Für uns ist es darum erst in zweiter Linie wichtig, dass unsere Methoden wissenschaftlichen Standards genügen. Entscheidend bleibt die Hilfe für die Patienten. Diese Sichtweise wollen wir in die politische Diskussion tragen.

Red.: Manche Berufskollegen fürchten, dass der Bundesgesundheitsminister den Beruf des Heilpraktikers abschaffen will. Die Grundlage dazu soll ein Rechtsgutachten liefern, das er in Auftrag gegeben hat.

Dr. Weishaupt: So einfach lässt sich unser Beruf nicht abschaffen – ich verweise dazu auf die entsprechenden Gutachten des Verfassungsrechtlers Professor  Helge Sodan und des Juristen Dr. René Sasse. Ich sehe auch nicht so sehr die Gefahr einer Abschaffung des Berufs, sondern eher den Versuch, die Kompetenzen der Heilpraktiker einzuschränken. Inwiefern die Heilpraktiker für Psychotherapie davon betroffen wären, ist dann noch eine ganz andere Frage.

Red.: Sie wollen dazu auf ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts warten?

Dr. Weishaupt: Nein, natürlich nicht. Meiner Ansicht nach muss Zweierlei klar sein und das vertrete ich auch deutlich im Gespräch mit der Politik: Erstens darf der Heilpraktiker nicht zum reinen Zuarbeiter für die approbierten Kollegen werden. Und zweitens darf man das Instrumentarium der Heilpraktiker nicht auf wenige wissenschaftlich anerkannte Methoden beschränken, denn damit verlöre das deutsche Gesundheitswesen eine entscheidende Stärke und die Wahlfreiheit der Patienten würde in nicht vertretbarer Weise eingeschränkt.

Red.: Also – was tun Sie, um zu verhindern, dass Ihre Befürchtungen Wirklichkeit werden?

Dr. Weishaupt: Wie gesagt: Kollegen einiger anderer Verbände und ich selbst stehen im Dialog mit der Politik. Ganz unideologisch, ohne Presse und Schlagzeilen, sondern rein auf der sachlich-fachlichen Ebene. Es geht in diesen Gesprächen nicht nur um wissenschaftliche Belegbarkeit verschiedener Ansätze und Methoden, sondern auch um Punkte wie eben Patientenzufriedenheit, Heilerfolge, geringe Schadenshäufigkeit, messbare Entlastung des Gesundheitssystems.

Parallel dazu engagiere ich mich dafür, die Unterstützung durch Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren. Etliche Umfragen belegen: die Menschen in Deutschland wünschen sich Therapiefreiheit, sie wollen umfassend aufgeklärt werden und wollen ein Mitspracherecht, wenn es um ihre Gesundheit geht – was ja nicht wirklich überrascht. Ich sage: das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Wir wollen also, dass sich die Menschen zu Wort melden – beispielsweise im Rahmen der Initiative „Ich will meinen Heilpraktiker“ auf www.heilpraktiker.com unseres Schwesterverbands VUH.

Red.: Sicher eine provokante Frage, aber: Bei all der politischen Arbeit – bleiben da die Mitglieder nicht auf der Strecke?

Dr. Weishaupt: Ich hoffe doch nicht! Aber ernsthaft: das kann ich klar verneinen. Das Team der Geschäftsstelle und unsere Profis unterstützen unsere Mitglieder bei der Praxisgründung und -führung, helfen, wenn es um rechtliche Fragen, um Steuern oder Marketing geht. Wo es möglich ist, kümmere ich mich selbst. Das ist zwar insbesondere zeitlich nicht immer ganz einfach. Aber so bleibe ich dicht an der Lebenswirklichkeit der Mitglieder und das ist mir sehr wichtig. Darum leite ich auch nach wie vor die Redaktion der „Freien Psychotherapie“. Mir ist wichtig, dass unser Magazin einen breiten Querschnitt relevanter Themen bietet: praktikscher Unterstützung, Erfahrungsberichte, Anregungen, Fachberichte – das, was unsere Mitglieder wirklich interessiert.

Red.: Man könnte also sagen: als Präsident bewegen Sie sich im Spannungsfeld zwischen Verbandspolitik und Mitgliederbetreuung?

Dr. Weishaupt: Könnte man vielleicht sagen, ja, aber es kommt noch ein dritter Aspekt hinzu: Wir dürfen uns nicht zu sehr mit uns selbst beschäftigen. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Verbandsmitglieder ist Heilpraktiker für Psychotherapie, Psychologische Berater oder Freie Psychotherapeuten geworden, weil sie den Menschen helfen wollen. Und dieses Potenzial ist für unsere Gesellschaft sehr wertvoll! Die psychische und psychosomatische Belastung in weiten Teilen der Bevölkerung ist so hoch, dass es noch viel mehr qualifizierte Helfer braucht, um Linderung und Änderung zu erreichen. Das schaffen die approbierten Therapeuten nicht. Mit anderen Worten: Mir ist bei meiner Arbeit wichtig, dass wir den einzelnen Menschen, das einzelne Schicksal, niemals aus den Augen verlieren.

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